Kategorie: Review

Wie viele Menschen passen in 43 Minuten?

Vor zwei Jahren startete die elektronisch angehauchte Indieband Glass Animals mit ihrem Debütalbum Zaba kopfüber hinein in die internationale Musikszene. Mit ihrer zweiten Platte How To Be A Human Being haben die vier Jungs aus Oxford ein weiteres Mal bewiesen, wieso sie dort nicht mehr wegzudenken sind.

Man kann sagen, dass  Glass Animals mit Zaba ihren einmaligen Sound etabliert haben. Die experimentelle Mischung, aus starken Beats, exotischen Trommeln und elektronischen Sounds aller Art macht die britische Indieband unverwechselbar. Es scheint, als hätten die vier Musiker jetzt in ihrem zweiten Album (Veröffentlichung: 26. August) versucht, auch über ihren Klang hinaus neue Höhen zu erreichen, was ihnen durchaus gelingt.

How To Be A Human Being beschäftigt sich thematisch, wie der Titel bereits verrät, mit verschieden Spielarten des menschlichen Lebens, mit verschiedenen Situationen, Personen und Lagen. Hierbei schlüpft Sänger Dave Bayley gekonnt zwischen den Rollen hin und her, mal als gescheiterter Muttersohn, als Lover, Junkie, psychisch gestörte Mörderin oder Stoner Girl. So bunt wie der Regenbogen sind die Charaktere, die Bayley durch die Titel hindurch verkörpert, und mindestens so gewaltig ist die Vielfalt des Geräuschspektrums, das Glass Animals für ihrer Musik verwendet.

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Wie man es aus Zaba bereits gewohnt ist, wird unter den Händen der Gruppe Lärm zu Geräuschen und aus einer Geräuschkulisse ein ganzer Musiktitel. Die typischen Bongoklänge, die oft den treibenden Rhythmus angeben, bleiben auch in ihrem zweiten Album bestehen. Bereits der Auftakt Life Itself ist davon definiert und hypnotisiert den Zuhörer, zieht ihn quasi in die Musik und damit in einen Trip quer durch elf Leben durch.

Dass sich die Kompositionen bald von den tropischen Klängen entfernen, tut keinen Abbruch. Von sensuellen Titeln, wie Take A Slice, die von einem langsamen R&B-Beat dominiert sind, über fast psychedelische Stücke wie Season 2 Episode 3 oder Cane Shuga bis hin zu Nummern wie Mama`s Gun, einem Song über eine psychisch beeinträchtigte Ehefrau, die einen Mord begeht, ein Titel, der einem musikalisch schon die Gänsehaut hochkommen lässt, ist alles dabei. Das Spektrum kennt praktisch kaum Grenzen. Sogar a-capella-Raps wie [Premade Sandwiches], der sich mit dem verzerrten Verhältnis der Konsumgesellschaft zu ihren geliebten Gütern beschäftigt, fügen sich neben leicht funkigen Nummern wie Poplar St ein. Das soll freilich nicht heißen, dass das nahtlos geschieht. Ganz im Gegenteil, oft wirken die Wechsel zwischen den verschiedenen Lebensrealitäten abrupt, aber ich denke bei einer Gruppe wie Glass Animals kann man hier getrost von einer gewissen Absicht ausgehen.

Bei aller Experimentierfreudigkeit, über die sich die Band auszeichnet, bleiben sie sich und ihrem Stil trotzdem treu. Soll heißen: Wer Glass Animals einmal gehört hat, würde sie überall erkennen, momentan sind sie nämlich definitiv eines der Projekte mit dem höchsten Wiedererkennungswert auf der internationalen Musikbühne.

Also, wer sollte sich How To Be A Human Being unbedingt anhören? Ganz einfach: Jeder, der keine Phobie gegen Elektroelemente in seiner Neuerscheinung hat. Nicht nur bietet das Album genügend Leerstellen, um als passionierter Musikliebhaber seine Freude daran zu haben, auch diejenigen, die bloß einen Soundtrack für ihren nächsten Nachmittag mit Freunden auf der Couch suchen, werden hier fündig. Glass Animals drängt sich nicht auf, sondern fügt sich in so gut wie jede Situation ein, vergleichbar mit ähnlich veranlagten Bands (etwa Foster The People), trotzdem kann man die Platte immer wieder hören und wird jedes Mal ein neues Detail entdecken, das davor übersehen wurde.

Spannend, traurig, beängstigend, sexuell, entspannt, aufregend…ganz wie der Albumtitel es verspricht.

 

 

Nazi-Kitsch und wie man ihm entgegenwirken kann

Das Leben ist schön sticht wie ein Stern aus dem Berg an Spielfilmen über das Dritte Reich, den Holocaust und den 2. Weltkrieg heraus. Wer wissen will, wieso oder sich fragt, was ich mit „Nazi-Kitsch“ meine, sollte dringend weiterlesen.

Wer an Filme mit NS-Zeit Thematik denkt, dem fallen vermutlich (außer man ist zufällig ein Fan von Dokumentationen wie dem Monumentalwerk Shoah) als erstes Titel wie Der Vorleser, Der Junge im gestreiften Pyjama oder auch der relativ neue Die Bücherdiebin ein. Alles Filme, die den Zuseher berühren, ihn auf die Schrecken des Dritten Reiches hinweisen sollen…und alles Filme, die aus einem der schrecklichsten Kapitel der Menschheitsgeschichte ein Kitschfest machen.

Als wäre die Tatsache, dass Millionen an Menschen systematisch ermordet wurden, sei es in Konzentrationslagern, im Krieg oder durch Experimente in entsprechenden Einrichtungen, nicht schlimm genug, brauchen diese Filme ein überdramatisches Element. Anstatt einfach die Schrecken wirken zu lassen, weint der Zuseher viel mehr über die traurige Musik, die Tragik der Freundschaften und Liebesgeschichten, darüber, dass Beziehungen auseinandergerissen werden, aber nicht wegen den Verbrechen, die das NS-Regime an ganzen Bevölkerungsgruppen verübt hat.

Das ist nun mal die Hollywood-Herangehensweise, die die Massen anspricht, denn die Filme verlangen nicht viel mehr, als dem Soundtracks folgend die Emotionen anzupassen und lassen den Zuschauer danach mit demselben Gefühl zurück, wie wenn sie P.S. Ich liebe dich oder  Marley & Ich angesehen hätten, nur dass man sich vielleicht einen Hauch Überlegenheit einbildet, weil man sich ja mit einem „ernsten Thema“ auseinandergesetzt hat – wie oberflächlich das auch immer gewesen sein mag.

Wer jetzt ein Gegenbeispiel für so eine verkitschte Herangehensweise bei Spielfilmen mit NS- Setting haben möchte, dem würde ich Das Leben ist schön empfehlen, einer ganz und gar untypischen, italienischen Komödie, die, als sie herauskam, eine Diskussion darüber lostrat, ob es überhaupt Komödien über gewisse Themen geben darf.

Die bessere Frage ist für mich dabei, warum darf es romantisierte Melodramen über manche Themen geben? Niemals sollten Themen, wie eben der Nationalsozialismus, dafür herhalten, eine Geschichte dramatischer zu machen.

Das Leben ist schön beginnt weit weg von der eigentlichen Thematik: Mit der Liebesgeschichte zwischen dem humoristisch begabten Geschichtenerzähler und Buchhändler Guido und der hübschen Lehrerin Dora, die ihrem zukünftigen Ehemann eben durch seinen clownhaften Witz und seinen Einfallsreichtum verfällt. Diese Handlung nimmt die erste Hälfte des Films ein und, obwohl immer wieder auf den die Charaktere umgebenden Antisemitismus eingegangen wird, liegen diese nicht im Vordergrund und werden von Guido (der Jude ist) mit Witzen abgeschüttelt.

In der zweiten Hälfte des Filmes, Jahre später, als Guido und Dora bereits einen Sohn, Giosuè, haben, wird die kleine Familie schließlich deportiert und, um Giosuè davon abzuhalten zu verzweifeln, erfindet der Vater die Geschichte von einem Geburtstagsgeschenk für den Sohn, einem Spiel, das den „Ausflug“ ins Konzentrationslager darstellt. Am Ende dieses Spiels, wenn ein Team 1000 Punkte gesammelt hat, steht dem Sieger ein echter Panzer als Gewinn zu.

Durch Guidos komisches Talent, wird sein Sohn davon abgehalten, die Schrecken des Lagers als solche zu erkennen und er wird durch die „Spielregeln“ am Leben gehalten, die dafür sorgen, dass er den Soldaten der SS nicht in die Hände fällt.

Obwohl ich hier nicht tiefer auf die Handlung eingehen möchte, klingt nur in dieser kurzen Beschreibung die Tragik an, die nur eine Komödie erzeugen kann.

Achtung: Tragik, nicht Kitsch. Hier besteht der große Unterschied zu den vorhergenannten Filmen. Wenn Guido seinem Sohn vorspielt, Punkte zu sammeln, während er selbst beinahe unter der täglichen Arbeit zusammenbricht, hat das nichts Rührendes, nichts Romantisches. Es ist skurril, man möchte fast Lachen über die Absurdität der Situation, doch gleichzeitig will einen die Tragik dahinter weinen machen.

Das Leben ist schön schafft es, trotz enorm hohem Unterhaltungswert und großen Lachern, den Zuschauer mitfühlen zu lassen. Er fordert ständig, mitzudenken, man möchte kichern, aber das Geräusch erstickt einem in der Kehl und wenn der Abspann läuft, ist es nicht so einfach, diese Gefühle runter zu waschen.

Der Grund dafür ist ganz einfach. Anstatt, dass man Emotionen zusieht, entwickelt man im Zuge des Films selbst welche und sich aus der Welt zu befreien, die Roberto Benigni geschaffen hat, braucht Zeit.

Es klingt ganz einfach, doch wohl auch aufgrund des Respekts, der dem NS-Regime und seinen Schrecken, zurecht, entgegengebracht wird, verfälschen und verkitschen die künstlerischen Aufarbeitungen oft. Schwarze Pädagigik sorgt dafür, dass man glaubt, über so ernste Themen nicht lachen zu können, dabei ist Humor oft der beste Weg, mit schwierigen Dingen umzugehen. Wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt, wenn man berührt wird, durch das Mitfühlen, das Humor verlangt, dann kann auch in einem so begrenzten Medium, wie es im Endeffekt jedes Mittel der Kunst ist, Unaussprechliches ansprechen. Die lächerliche Geschichte um den Clown Guido adressiert die Tragik und den Schrecken des Holocaustes viel eher, als es die ernste Liebesgeschichte in Der Vorleser etwa tut, weil dem Zuseher erst durch die Absurdität der Handlung, die zum Lachen führt, ermöglicht wird, unausgesprochen die vorgehenden Abscheulichkeiten zu erfühlen.

Fazit: Ich hasse wenig mehr als Nazi-Kitsch und wer meine Kritik am Mainstreamkino für sich selbst noch einmal prüfen will, dem empfehle ich, sich Das Leben ist schön anzusehen und ihn danach mit „ernsten“ Filmen zum Thema zu vergleichen. Ich bin offen für Diskussionen, wenn jemand andere Schlüsse zieht.

The manifold flaws of adapting books for film

When it was launched, Carol was honored with just about every major motion picture award. But a brief comparison with the novel is a direttissima to disillusionment.

CAROL

When Todd Haynes‘ lesbian drama Carol was released at the box office, it was celebrated as a breakthrough of queer cinema. One could not avoid the movie even if one tried. Many did not realize that the box office hit was based on a novel by American author Patricia Highsmith. Those who indulged in the text after consuming the film may well have been abjectly disappointed.

That is because, contrary to Haynes’ film version, The Price of Salt, as Highsmith’s original was actually titled, is no family and marriage drama with lesbian undertones. Rather, it may be viewed as a coming-of- age novel that, in accordance with the American woman author’s psychologizing literature, placed hardly any emphasis on kitsch and drama.

When it comes to comparing it to the novel, the movie’s strengths are also its weaknesses, especially looking at the portrayal of the two protagonists, especially Carol. The text is written from Therese’s perspective, a 19-year- old stage designer who experiences her first great love with a woman and becomes an adult through the complications of their togetherness.

The character of Carol, although it obviously occupies Therese’s thinking, remains largely in the shadows. Only belatedly, the reader learns of her family life from dialogs, and at times, there are even doubts about the narratrix’ credibility. Never until the end of the novel does Carol’s mythical shell suffer any cracks. It is not necessary because the text is not focused on her. Much rather, Highsmith discovers the character of Therese than that of her lover, she is curious how an almost unfeeling young girl starts to develop a will of her own and to evolve her dimensions, not about a bisexual woman with a troubled divorce. Highsmith deserves great credit for never portraying Carol as a lesbian but always as interested in both sexes. That is by no means par for the course in light of widespread marginalizing of bi- and pansexual people even today.

Precisely by concentrating on Therese and intentionally avoidance of delving too deep into Carol’s life, Highsmith prevents the accrual of kitsch. Her text becomes all the more realistic the more she stays away from Therese’s lover. Just the thoughts of the 19-year- old create the urgency the reader senses despite slow development of the relationship between the two women. One can follow young Therese’s coming of age safely without getting bored, despite great romance, and therein precisely lies the novel’s strength. It is only by Therese’s separating from Carol and her independence that the playing field between the two is evened out, that the dependent relationship between them as it occurred in the beginning is busted open and at the point where two free and adult people meet, togetherness becomes workable. This final conclusion is something quite a few contemporary novels would do well to coopt from this book from the 1950s.

By contrast, the movie focuses much more on Carol and her life as a “lesbian“ woman in a marriage that involves as child. The portrayal of Therese almost disappears behind Carol whose problems with divorce, outing and family are the story line’s principal focus. Whenever Therese’s life is shown, it is overfraught with symbolism and a great deal of kitchen table philosophy about “love.” Her side of the story is suddenly painted with a kitschy hue so that the conversations between the two assume an unintended degree of Pathos carefully avoided in the underlying novel. One could argue that Haynes, not a bad director, wanted to emphasize the other side of the story, that is, Carol’s, and this could turn out to be quite an interesting supplement to the text – but not at the price of turning most of the novel’s beneficial properties into their opposite.

This is not to say that the movie per se was not done well, quite the opposite. Blanchett and Rooney Mara give commanding performances, the flick is esthetically interesting, the color scheme applied throughout the film is fascinating. Nevertheless, it tries to hard to be an art – house film without actually rising up to this ambition. Its theme is too commercial (a fact also based on the chosen focus), too direct in its symbolism (think of the use of photography or the importance of the location of “Waterloo” in the movie) and too dramatic in its story line. It does not suffice that Carol breaks up with Therese to be able to see her daughter, no, she also needs to have psychotherapy. Not enough that Therese may not have contact with Carol, there have to be scenes of Carol crying and desperate conversations about their relationship so that even the last viewer understands just HOW sad and tragic things are being done to them.

This exaggeration deprives the movie of the potential it would have had by virtue of the novel, its fundamentally non-commercially oriented director, the actors and many additional factors. It is a pity that not more was made of that, and I happen to believe that playing a bit less on the melodramatic note would not have hurt the movie’s success, even at the box office.

Damascus – a historical mosaic

If you are curious about Syria’s other side, you might as well dare to digest Rafik Schami’s weighty oeuvre The Dark Side of Love.

If Rafik Schami does not sound like a household name, I’d mention that he is one of the most important post-colonial authors of German language. The man and his book are interesting even to those that are not necessarily interested in the history and theory of literature – because his novel presents an opportunity to relive more than a half-century of Syrian history. At first sight, the sheer length of The Dark Side of Love could frighten readers. And indeed a tome of 1000-plus pages strikes at first like a monumental reading task. But after the first few chapters, the reader is caught up in Schami’s web of narratives and hopes it will never end.

Schami is known for reviving the ancient and notorious Arabic culture of storytelling through his books. Despite a clear framework of a background story, this turns The Dark Side of Love into an ocean of minor yarns. Through the prism of the overarching tale of the tribal feud between the Muschtak and Schahin families and the Romeo & Juliet style love story between two of their respective members, Schami covers more than a half-century of recent Syrian history. Readers can track the country’s evolution from French colonial rule through independence and various military dictatorships to the present day, with almost constant presence in the daily news.

As if this were not enough, Schami not only paints his protagonists but often enough digresses, loses himself in little stories about the daily life of peripheral characters and so he weaves a tight-knit web of anecdotes that altogether form a wistful image of Damascus, Syria and the pluralism of Arab societies. While all this is permeated by the exiled author’s critical comments on the strict rules and laws and religious strife that forced him once to leave his homeland, it also makes his mosaic so coherent.

The sentiments the author conveys to his readers of his homeland is not misty-eyed, the picture is not perfect and quite a few mosaic stones are scratched and broken, or perhaps just painted wrongly. Schami is well aware of the region’s many flaws and inconsistencies. With a detached pen, he presents us with a sketch of this world but does not mean to say that it deserves rejection.

Schami has penned a haunting declaration of love for Syria and Damascus, a world amazingly, terrifyingly, bewitchingly wonderful and yet in a dreamy way shatteringly real. The fabulous, skillfully interwoven with the brutal daily routine of a torn country, renders The Dark Side of Love such an impressionist novel and so difficult to break free from ist magic. In our time, one would do well to peek beyond the rim and take time for an epic legend of this kind, for an excursion into the mentality and history of a state likely to dominate political news as one of the most virulent problem areas still for some years to come.

Dare to turn the first page. I guarantee that no one will regret it.

Gereifter Punk in Endzeitstimmung

English Version

Für viele, die in den späten 80ern und frühen 90ern geboren worden sind, werden bei dem Namen „Billy Talent“Erinnerungen an die Teenagerjahre aufkommen. Gute Nachrichten, seit heute gibt es ein neues Album.

Seit Surrender ist die kanadische Punkrock Band im Mainstream angekommen oder diesem zumindest ein Begriff. Heute, am 29. Juli 2016 ist ihr neues Album Afraid of Heights herausgekommen und auch ohne Drummer Aaron Solowoniuk (er wird momentan aufgrund seiner Multiplen Sklerose durch Jordan Hastings von Alexisonfire ersetzt) ist es eines der aggressivsten und kritischsten Werke, die die Gruppe je veröffentlicht hat.

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Zwei Jahre haben sich die Kanadier Zeit für das Album genommen und das merkt man. Nicht nur ist die Gruppe, die sich selbst im Punk einordnet, jedoch oft auch ins Alternative abrutscht, experimentierfreudiger, als noch auf dem Vorgänger Dead Silence, sie haben sich die Welt angesehen, den Kopf geschüttelt und dann mit Afraid of Heights ihren Kommentar dazu abgegeben. Mehr noch als sonst werden hier große Themen angesprochen, wie etwa die Flüchtlingskrise, die Waffenlobbys in den USA oder die US-Wahlen und wie man es nunmal von Billy Talent gewohnt ist, sind sie direkt, wütend und haben kein Problem, ihrem Ärger laut und aggressiv Luft zu machen, auch mit über vierzig.

Songs wie Big Red Gun, Ghost Boat Of Cannibal Rats (wohl eine Anspielung auf das russische Schiff, das nur noch von kannibalistischen Ratten bewohnt ziellos im Meer nahe Großbritannien herumziehen soll, ich denke die Metapher ist klar), Horses & Chariots und This Is Our War ziehen alle Kaliber und klagen bissig die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Missstände an, mit denen wir heute konfrontiert sind. Obwohl die Gruppe sich dabei hauptsächlich auf Amerikanisch-Kanadische Politik beziehen, kann man als Europäer in den Texten von letzteren beiden nicht anders, als sich zu identifizieren. Die politische Spaltung ganzer Länder durch populistische Politiker ist nun mal in Zeiten wie diesen kein amerikanisches Phänomen und Billy Talent schafft es, einen kämpferischen Protest zu formulieren, der über die konkreten Fälle hinausgehen kann.

Doch es wäre nicht Billy Talent, wenn zwischendurch, quasi zur Auflockerung, nicht mal ein bisschen Spaß sein dürfte. So findet sich in der Verschnaufpause etwa ihre ganz eigene Hymne an klassische, „handgemachte“ Rockmusik Louder Than The DJ, was eine besondere Ironie in die Platte bringt, da die Band sich bereits ein paar Titel weiter an Synthesizern versucht und es damit schafft, ihrem eignen, schwer verwechselbaren Sound eine neue Tiefe zu geben.

So aggressiv und wütend das Album auch ist, das bereits mit einem gestreckten Mittelfinger verglichen wurde, es gibt sich und dem Zuhörer Raum um zu verdauen. Ruhigere Nummern, wie Leave Them All Behind runden das Album genauso ab, wie February Winds, eine vorerst unscheinbare Nummer, die sich jedoch schnell zu einer der ausdrucksstärksten des ganzen Albums herausstellt, wenn man einen Blick auf den Text wirft, der sich mit den Flüchtlingsschicksalen  und der Reaktion des Westens darauf beschäftigt.

Ein Protestalbum hat Billy Talent da produziert, in einem Alter, in dem man nichts neues mehr erwarten würde. Jeder Titel ist sein eigener Aufruf, aktiv zu werden und etwas an dem zu ändern, wie es gerade ist und für das zu kämpfen, was einem wichtig ist. Das, was viele Musiker bereits aufgegeben haben, nämlich eine klare Message in ihre Arbeit zu verpacken, ist den Kanadiern mit Afraid Of Heights gelungen, ohne ihren ganz eigene Klang hinter dem Text zurückzunehmen.

Dass die Gruppe inzwischen schon seit beinahe einem Vierteljahrhundert besteht, hält sie offensichtlich nicht davon ab, sich weiterzuentwickeln, neues auszuprobieren und noch einmal unter Beweiß zu stellen, was Punkrock auch heute noch kann.

Wer jetzt Lust bekommen hat, kann sich hier gleich zum Album weiterklicken:

Mature punk rock in an apocalyptic mood

Many who were born in the late 80ies and early 90ies have been accompanied by Billy Talent all the way through their puberty. Good news, they`re back and released their new album only today.

The mainstream was introduced to (or at least noticed) Billy Talent through their probably most successful song Surrender. Today, on 29th of July 2016 their new album Afraid of Heights was released and even though having to manage without their drummer Aaron Solowoniuk (who is represented for the moment by Alexisonfire`s Jordan Hastings due to Solowoniuks multiple sclerosis) the band produced one of their most aggressive and most critical works ever.

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The band took two years to work on the record an that becomes noticeable. Not only is the group, that identifies as punk although sometimes slipping into alternative styles, happy to try out new things, they also took a good glance at the world while working on the album, they shook their heads and commented on the things they saw through Afraid Of Heights. More than ever they focus on big problems, like the refugee crisis, the US elections or gun lobbying in the States. Just like we expect from Billy Talent, they find a direct and angry voice to express their resentment. All of that although being in their 40ies already.

Tracks like Big Red Gun, Ghost Boat Of Cannibal Rats (whicht seems to be a hint on a russian ghost ship that was supposed to be sailing near the UK, occupied only by cannibal rats; I think, I don`t need to mark out the symbolism in here any further), Horses & Chariots or This Is Our War point out social and political deficiencies we have to face today in a harsh and caustic way. Even though the group is of course mainly focusing on the american – canadian problems here, a european can`t fail to notice similarities. Political segregation of whole nations due to populist political leaders is a theme almost everyone in Europe should be able to identify with and Billy Talent actually manages to frame protest songs that surpass their original setting.

However, it wouldn`t be Billy Talent, if there wasn`t some fun in between all the seriousness. There is their hymn to old school „handmade“ rock music Louder Than The DJ for example. This got its own irony, considering that the group is experimenting with sythesizers just a few tracks after. Anyways, the experiment pays off and the group`s own distinctive sound is enhanced by their innovations.

In Germany, the record was already compared to a stretched middle finger and even though the album is really aggressive and cutting in its formulations, the group leaves some room to the listener to process. Softer songs like Leave Them All Behind top the record off just like February Winds which, at first sight, seems to be quite unremarkable. However, this impression changes drastically after taking some time to look at the text, that adresses the refugee crisis and Western countries reaction to it. This track is actually one of the most interesting, in my opinion.

An album of protest songs, that`s what Billy Talent released today, even though being in an age you wouldn`t expect much innovation to happen. Every track is a call to action, to change what bothers you and to fight for the important things in life. A clear message is something that many musicians, exspecially in todays mainstream media fail to express. Still the canadian group succeeded without losing their unique sound in favor of deep texts.

Being a band for almost 25 years now obviously doesn`t stop those guys to develop further, to try out something new and to prove to those who believe that punk is dead, where its actual power lies.

If you are in the mood for the record now, you can listen to it right here:

Belgische Wachsfiguren

English Version /French Version

Die belgische Bildhauerin Berlinde de Bruyckere ist momentan mit ihrer Ausstellung „Suture“ im Leopoldmuseum in Wien zu sehen.

Berlinde de Bruyckere`s Name ist spätestens seit der Biennale 2003 ein Begriff und zählt zu den bekanntesten kontemporären Bildhauern weltweit. „Suture“ ist ihre erste Einzelausstellung in Wien und beschäftigt sich, wie Bruyckere`s ganzes Werk mit der Schönheit und Verletzlichkeit des menschlichen Körpers.

Die Exponate bestehen größtenteils aus Wachsfiguren, die, trotz einiger Abstraktion, den Körper in verschiedenen Haltungen und Gefühlen erkunden. Die Positionen der Figuren erzeugen einen fast fühlbaren Schmerz und eine Intimität, die für mich als Betrachter kaum zu ertragen waren.

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Die Skulpturen stellen Fragen nach der Verbindung zwischen Leben und Tod und sind in ihrer Direktheit und Provokation oft beinahe abstoßend. So sind zum Beispiel ein aus Pferdehaut/-fell zusammengenähtes Pferd oder Verbindungen aus ledernen Reitwerkzeugen und wächsernen Körperteilen hier zentrale Stücke.

Die “Naht“, nach der diese Ausstellung benannt ist, findet sich also sowohl wörtlich in den Verbindungen, die die Künstlerin zusammenzwingt als auch in den Grenzen, die de Bruyckere aufzeigt und überwindet. Eine Naht steht außerdem für eine Verletzung, die geflickt wird, aber trotzdem klar zu sehen ist. Der Titel und das Werk der Künstlerin lassen, wie man siegt, reichlich Raum für Interpretationen.

Als vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig und einschüchternd direkt könnte man “Suture“ bezeichnen und ich kann mir gut vorstellen, dass de Bruyckeres Kunst nicht für jedermann etwas bereit hält. Das Existenzielle, das sie ausdrückt, ist weder schön noch angenehm, aber wenn man sich traut, sich berühren zu lassen, wird die Ausstellung, die noch bis zum 5.9.2016 im Leopoldmuseum zu sehen st, zu einem ungewöhnlich bewegenden Erlebnis werden.

 

Ein Monat nach dem Getaway

English Version

Die kalifornische Rockband „Red Hot Chili Peppers“ brachte vor mittlerweile etwas mehr als einem Monat ihr elftes Studioalbum The Getaway heraus. Wie sieht es denn bis jetzt damit aus?

Die Red Hot Chili Peppers sind wohl den meisten Leuten ein Begriff, an Songs wie CalifornicationSnow (Hey Oh), Otherside, By The Way oder Under The Bridge ist schwer vorbeizukommen, ohne mit Scheuklappen und gewaltigen Wattebäuschen in den Ohren durch das Leben zu gehen.

Nach einer Pause von fünf Jahren kam am 17. Juni 2016 das neue Album der Band heraus, das sich sowohl in Österreich, als auch in Deutschland und Australien bald auf Platz Eins der Albumcharts befand. Jetzt, nach einem Monat, hält sich The Getaway weiterhin in den Top 5 (zumindest in Österreich).

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Trotz des offensichtlichen Erfolgs des Albums, ist es nicht so eingeschlagen, wie andere Platten der Peppers, es markiert mehr eine Abgrenzung ihres neuen Stils zu ihren vorhergegangenen Veröffentlichungen.

Man sollte sich also, beim Anhören nicht erwarten ein neues Californication, Stadium Arcadium oder By The Way vorgesetzt zu bekommen. Ganz im Gegenteil sogar. Die Peppers wirken gesetzter, vielleicht sogar reifer, was nach über 30jährigem Bestehen ja durchaus erlaubt sein muss. Die Bandmitglieder gehen mittlerweile alle auf die 60 zu und das hört man, was allerdings nichts schlechtes ist. Die Stärke des Albums ist sogar gerade, dass es viel ruhiger und sanfter ist, als die oben genannten Veröffentlichungen der Peppers.

Viel mehr als sonst, erkennt man ein Konzept hinter der Platte, einen roten Faden, der sich durch die einzelnen Songs durchzieht und sie zu einem Gesamtkunstwerk schnürt. Kaum einer der Titel hebt sich übermäßig von den anderen ab und trotzdem herrscht hohes Ohrwurmpotential vor, gerade bei Titeln wie etwa Sick Love oder The Longest Wave. Denn auch wenn das Album in einem durchzuhören, meiner Meinung nach, die beste Art und Weise ist, die Titel zu genießen und so den Gesamteindruck auf sich wirken zu lassen, können die Songs trotzdem auf eigenen Beinen stehen, ohne sich verstecken zu müssen.

Um sich also auf The Getaway einzulassen sollte man sich keine schnellen Funk-Titel erwarten, sondern viel eher milde Alternative-Songs in typischer, von starken Basslines unterlegter Red Hot Chili Peppers Manier. Oder, um es konkreter auszudrücken: das Album geht eher in die Richtung von Porcelain, Snow, Hard To Concentrate, Strip My Mind und ähnlichem, als in die von Dani California, Give It Away oder By The Way.

Wer sich damit anfreunden kann, der wird von den neuen, älter gewordenen Peppers nicht enttäuscht werden, denn The Getaway ist trotz der sanfteren Herangehensweise der Band ein solides Album, das sich nach einem Roadtrip entlang an weiten Küsten anfühlt, nach Sonne und Meer und einem entspannten Tag in der Wärme.

Wie die Red Hot Chili Peppers eben klingen, wenn sie einen Gang zurückschalten und in einen gemächlicheren Rhythmus verfallen.

Damaskus im historischen Mosaik

English Version

Wer eine andere Seite von Syrien kennenlernen will, sollte sich die Zeit nehmen und sich über Rafik Schamis Wälzer “Die dunkle Seite der Liebe“ trauen.

Für alle, denen der Name Rafik Schami nichts sagt, erwähne ich hier kurz, dass es sich um einen der wichtigsten postkolonialen Autoren des deutschen Sprachraums handelt. Wieso dieser Mann und das Buch, um das sich dieser Artikel dreht, auch für Leute interessant sind, die sich nicht unbedingt für Literaturgeschichte und -theorie interessieren, liegt daran, dass sich in seinem Roman die Möglichkeit bietet, über ein halbes Jahrhundert syrischer Geschichte mitzuerleben.

“Die dunkle Seite der Liebe“ schreckt auf den ersten Blick durch den Umfang des Texts ab. Tatsächlich muten die mehr als 1000 Seiten des Buchs zuerst einmal wie ein Jahrhundert-Leseprojekt an, kaum ist man aber an den ersten paar Kapiteln vorbei und somit eingewickelt, in Schamis Geschichtennetz, wünscht man sich, dass der Text nicht mehr aufhört.

Schami ist bekannt dafür, in seinen Büchern die berühmt-berüchtigte arabische Erzählkultur aufleben zu lassen, was “Die dunkle Seite der Liebe“ trotz einer klaren Rahmenhandlung zu einem Meer aus kleinen Geschichten werden lässt. Anhand der strukturgebenden Erzählung der Stammesfehde zwischen den beiden Familien Muschtak und Schahin und vor allem der Liebesgeschichte à la Romeo und Julia zwischen zweien ihrer Mitglieder, deckt Schami über ein halbes Jahrhundert syrischer Vergangenheit ab. Von der französischen Kolonialherrschaft, über die Unabhängigkeit bis zu den diversen Militärdiktaturen kann der Leser mitverfolgen, wie sich das Land, das ja beinahe täglich in den Nachrichten ist, dahin entwickelt hat, wo es heute ist.

Als wäre das nicht genug, beschreibt Schami nicht allein seine Protagonisten, sondern nimmt auch mal Abzweigungen, verliert sich in kleinen Alltagsgeschichten von Nebenfiguren und spinnt so ein dichtes Netz an Erzählungen, die zusammen ein sehnsüchtiges Bild von Damaskus, Syrien und der Pluralität der arabischen Gesellschaften ergeben. Zwar dringt durchaus auch Kritik des Exilautors an den strikten Regeln und Gesetzen und den Religionskonflikten, die ihn selbst zwangen, das Land zu verlassen, durch, aber gerade das macht das Mosaik, das er entwirft, so stimmig.

Das Gefühl, das der Autor der Leserschaft von seiner Heimat vermittelt, ist nicht verklärt, das Bild ist nicht perfekt und einige Steine des Mosaiks sind angekratzt und zerbrochen, vielleicht auch falsch bemalt. Viel mehr ist sich Schami der Fehler und Ungereimtheiten der Region bewusst und geht abgeklärt daran, uns diese Welt zu zeigen, was nicht bedeutet, dass er findet, dass man ihr den Rücken kehren sollte.

Schami hat hier eine eindringliche Liebeserklärung an Syrien und Damaskus geschrieben, einer Welt, die erstaunlich erschreckend, verzaubernd wunderlich und auf verträumte Weise niederschmetternd real ist. Das Märchenhafte, das auf die geschickteste Art mit dem brutalen Alltag eines zerrissenen Landes verwoben wird, macht “Die dunkle Seite der Liebe“ zu einem so eindrücklichen Roman, dass man sich im Nachhinein schwer von seinem Zauber losreißen kann.

Gerade heutzutage sollte man sich wohl über den Tellerrand beugen und sich die Zeit für einen Schmöker wie diesen nehmen, um einen Ausflug in die Mentalität und Geschichte eines Staates zu machen, der als eine der größten, existenten Problemzonen vermutlich noch die nächsten paar Jahre Politik und Medien dominieren wird.

Traut euch einfach und schlagt mal die erste Seite auf. Ihr werdet es nicht bereuen, das garantier ich.

Die vielen Fehler der Buchverfilmungen

English Version

„Carol“ wurde, als er herauskam, mit so gut wie allen großen Filmpreisen ausgezeichnet. Ein kurzer Vergleich mit dem Roman sorgt aber schnell für Ernüchterung.

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Als 2015 das lesbische Drama „Carol“ von Todd Haynes in die Kinos kam, wurde es als Durchbruch des queeren Kinos gefeiert, man kam unmöglich an dem Film vorbei, auch wenn man es versucht hat. Dass dem Hit ein Roman der amerikanischen Autorin Patricia Highsmith zu Grunde liegt, ist vielen nicht bewusst gewesen und wer sich nach der Konsumation des Films auf den Text eingelassen hat, war wohlmöglich schwer enttäuscht.

„Der Preis von Salz“, wie Highsmiths Original eigentlich heißt, ist nämlich, ganz im Gegensatz zu der Haynes`schen Verfilmung kein Familien- und Ehedrama mit lesbischen Untertönen, es kann viel mehr als Coming-of-Age-Roman verstanden werden, der im Sinne der psychologischen Schriftstellerei, die die Amerikanerin betrieb, kaum Wert auf Kitsch und Dramatik legt.

Die Stärken des Films sind gleichzeitig seine Schwächen, wenn es um einen Vergleich mit dem Buch geht, nämlich die Darstellung der beiden Protagonisten und vor allem Carol. Der Text ist aus der Perspektiven von Therese geschrieben, einer 19jährigen Bühnenbildnerin (wird im Film zu einer Fotografin), die ihre erste große Liebe mit einer Frau erfährt und durch die Schwierigkeiten ihres Zusammenseins erwachsen wird.

Der Figur Carol bleibt darin, obwohl sie natürlich das Denken Therese` füllt, meist im Schatten, über ihr Familienleben erfährt der Leser lediglich verspätet in Form von Dialogen, ab und zu kommen sogar Zweifel an der Verlässlichkeit der Erzählerin auf. Niemals, bis zum Ende des Romans, bricht Carols beinahe mythische Hülle auf, was auch nicht nötig ist, da sie nicht im Fokus des Textes geht. Highsmith entdeckt viel mehr das Wesen von Therese, als das ihrer Geliebten, sie interessiert sich dafür, wie ein beinahe gefühlloses junges Mädchen beginnt, ihren eigenen Willen zu entwickeln und sich selbst zu entfalten, nicht für eine bisexuelle, fertige Frau mit Scheidungsproblemen (wobei Highsmith hoch angerechnet werden muss, dass sie Carol nie als lesbisch darstellt, sondern immer als interessiert an beiden Geschlechtern, was, wenn man sich die Marginalisierung ansieht, die Bi- und Pansexuelle Menschen heute noch durchmachen, nicht selbstverständlich ist).

Gerade durch die Konzentration auf Therese und die absichtliche Vermeidung eines zu tiefen Eintauchens in Carols Leben, vermeidet Highsmith das Entstehen von Kitsch. Der Text wird sogar umso realistischer, je mehr sie sich von Therese` Geliebten fernhält. Allein die Gedanken der 19jährigen erzeugen die Dringlichkeit, die trotz der langsamen Entwicklung der Beziehung der beiden Frauen beim Leser empfunden wird. Man kann das Erwachsenwerden der jungen Therese ruhig mitverfolgen, ohne sich zu langweilen, trotz fehlender hochromantischer  Szenen und genau da liegt die Stärke des Buches. Erst durch die Trennung von Carol und Therese` Unabhängigkeit wird im Endeffekt der Boden für eine richtige Beziehung zwischen den beiden geebnet, das Abhängigkeitsverhältnis, das am Anfang entsteht, wird aufgebrochen und an dem Punkt, wo sich zwei erwachsene, freie Menschen treffen, kann eine Zusammensein funktionieren. Diese finale Aussage könnten sich noch einige kontemporäre Romane von diesem Buch aus den 1950ern abschauen.

Der Film konzentriert sich im Gegensatz dazu viel mehr auf Carol und ihr Leben als „lesbische“ Frau in einer Ehe mit einem Kind. Therese verschwindet in ihrer Darstellung beinahe hinter Carol, deren Scheidungs-, Outing- und Familienprobleme den Hauptfokus der Handlung besitzen. Wenn Therese` Leben dargestellt wird, dann mit übertriebener Symbolik und vielen küchenphilosophischen Gesprächen über die Liebe. Ihre Seite der Geschichte wird plötzlich ins Kitschige gerückt, so dass die Gespräche zwischen den beiden einen ungewollten Pathos bekommen, der in der Textgrundlage gerade vermieden wird. Man könnte argumentieren, dass Haynes, der an sich kein schlechter Regisseur ist, die andere Seite der Geschichte, eben Carols, herauszukehren, was durchaus als interessante Ergänzung an den Text funktionieren könnte, aber nicht um den Preis, die meisten positiven Eigenschaften des Romans ins Gegenteil zu kehren.

Das soll nicht heißen, dass der Film per se nicht gut gemacht ist, ganz im Gegenteil. Blanchett und Rooney Mara leisten eine eindrucksvolle Performance, ästhetisch ist der Film interessant, das Farbschema, das sich durch den Film zieht, die Schnitte, alles ist faszinierend. Trotzdem versucht der Film am Ende des Tages zu sehr, ein Kunstfilm zu sein, ohne diesem Ziel gewachsen zu sein. Er ist zu kommerziell in seiner Thematik (was auch an dem gesetzten Fokus liegt), zu direkt in seiner Symbolik (man siehe zum Beispiel den Einsatz von Fotografie oder die Bedeutung des Ortes „Waterloo“ im Film) und zu dramatisch in seiner Geschichte. Es reicht nicht, dass Carol sich, um ihre Tochter sehen zu dürfen, von Therese trennt, nein, sie muss auch noch in Psychotherapie gehen. Dass Therese keinen Kontakt zu Carol haben kann, genügt nicht, es braucht Szenen von einer weinenden Carol und verzweifelte Gespräche über ihre Beziehung, damit auch wirklich der letzte Zuseher verstanden hat WIE traurig und schlimm das ist, was den beiden angetan wird.

Diese Überspitzung nimmt dem Film sein Potential, das er durch die Vorlage, den an sich ganz und gar nicht kommerziellen Regisseur, die Schauspieler und vieles mehr gehabt hätte. Schade, dass man das nicht ausgenutzt hat, ich denke nämlich nicht, dass ein bisschen weniger Melodrama dem Film geschadet hätte, auch was seinen Erfolg angeht.