Kategorie: Literatur

Ein Monat nach dem Getaway

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Die kalifornische Rockband „Red Hot Chili Peppers“ brachte vor mittlerweile etwas mehr als einem Monat ihr elftes Studioalbum The Getaway heraus. Wie sieht es denn bis jetzt damit aus?

Die Red Hot Chili Peppers sind wohl den meisten Leuten ein Begriff, an Songs wie CalifornicationSnow (Hey Oh), Otherside, By The Way oder Under The Bridge ist schwer vorbeizukommen, ohne mit Scheuklappen und gewaltigen Wattebäuschen in den Ohren durch das Leben zu gehen.

Nach einer Pause von fünf Jahren kam am 17. Juni 2016 das neue Album der Band heraus, das sich sowohl in Österreich, als auch in Deutschland und Australien bald auf Platz Eins der Albumcharts befand. Jetzt, nach einem Monat, hält sich The Getaway weiterhin in den Top 5 (zumindest in Österreich).

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Trotz des offensichtlichen Erfolgs des Albums, ist es nicht so eingeschlagen, wie andere Platten der Peppers, es markiert mehr eine Abgrenzung ihres neuen Stils zu ihren vorhergegangenen Veröffentlichungen.

Man sollte sich also, beim Anhören nicht erwarten ein neues Californication, Stadium Arcadium oder By The Way vorgesetzt zu bekommen. Ganz im Gegenteil sogar. Die Peppers wirken gesetzter, vielleicht sogar reifer, was nach über 30jährigem Bestehen ja durchaus erlaubt sein muss. Die Bandmitglieder gehen mittlerweile alle auf die 60 zu und das hört man, was allerdings nichts schlechtes ist. Die Stärke des Albums ist sogar gerade, dass es viel ruhiger und sanfter ist, als die oben genannten Veröffentlichungen der Peppers.

Viel mehr als sonst, erkennt man ein Konzept hinter der Platte, einen roten Faden, der sich durch die einzelnen Songs durchzieht und sie zu einem Gesamtkunstwerk schnürt. Kaum einer der Titel hebt sich übermäßig von den anderen ab und trotzdem herrscht hohes Ohrwurmpotential vor, gerade bei Titeln wie etwa Sick Love oder The Longest Wave. Denn auch wenn das Album in einem durchzuhören, meiner Meinung nach, die beste Art und Weise ist, die Titel zu genießen und so den Gesamteindruck auf sich wirken zu lassen, können die Songs trotzdem auf eigenen Beinen stehen, ohne sich verstecken zu müssen.

Um sich also auf The Getaway einzulassen sollte man sich keine schnellen Funk-Titel erwarten, sondern viel eher milde Alternative-Songs in typischer, von starken Basslines unterlegter Red Hot Chili Peppers Manier. Oder, um es konkreter auszudrücken: das Album geht eher in die Richtung von Porcelain, Snow, Hard To Concentrate, Strip My Mind und ähnlichem, als in die von Dani California, Give It Away oder By The Way.

Wer sich damit anfreunden kann, der wird von den neuen, älter gewordenen Peppers nicht enttäuscht werden, denn The Getaway ist trotz der sanfteren Herangehensweise der Band ein solides Album, das sich nach einem Roadtrip entlang an weiten Küsten anfühlt, nach Sonne und Meer und einem entspannten Tag in der Wärme.

Wie die Red Hot Chili Peppers eben klingen, wenn sie einen Gang zurückschalten und in einen gemächlicheren Rhythmus verfallen.

Damaskus im historischen Mosaik

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Wer eine andere Seite von Syrien kennenlernen will, sollte sich die Zeit nehmen und sich über Rafik Schamis Wälzer “Die dunkle Seite der Liebe“ trauen.

Für alle, denen der Name Rafik Schami nichts sagt, erwähne ich hier kurz, dass es sich um einen der wichtigsten postkolonialen Autoren des deutschen Sprachraums handelt. Wieso dieser Mann und das Buch, um das sich dieser Artikel dreht, auch für Leute interessant sind, die sich nicht unbedingt für Literaturgeschichte und -theorie interessieren, liegt daran, dass sich in seinem Roman die Möglichkeit bietet, über ein halbes Jahrhundert syrischer Geschichte mitzuerleben.

“Die dunkle Seite der Liebe“ schreckt auf den ersten Blick durch den Umfang des Texts ab. Tatsächlich muten die mehr als 1000 Seiten des Buchs zuerst einmal wie ein Jahrhundert-Leseprojekt an, kaum ist man aber an den ersten paar Kapiteln vorbei und somit eingewickelt, in Schamis Geschichtennetz, wünscht man sich, dass der Text nicht mehr aufhört.

Schami ist bekannt dafür, in seinen Büchern die berühmt-berüchtigte arabische Erzählkultur aufleben zu lassen, was “Die dunkle Seite der Liebe“ trotz einer klaren Rahmenhandlung zu einem Meer aus kleinen Geschichten werden lässt. Anhand der strukturgebenden Erzählung der Stammesfehde zwischen den beiden Familien Muschtak und Schahin und vor allem der Liebesgeschichte à la Romeo und Julia zwischen zweien ihrer Mitglieder, deckt Schami über ein halbes Jahrhundert syrischer Vergangenheit ab. Von der französischen Kolonialherrschaft, über die Unabhängigkeit bis zu den diversen Militärdiktaturen kann der Leser mitverfolgen, wie sich das Land, das ja beinahe täglich in den Nachrichten ist, dahin entwickelt hat, wo es heute ist.

Als wäre das nicht genug, beschreibt Schami nicht allein seine Protagonisten, sondern nimmt auch mal Abzweigungen, verliert sich in kleinen Alltagsgeschichten von Nebenfiguren und spinnt so ein dichtes Netz an Erzählungen, die zusammen ein sehnsüchtiges Bild von Damaskus, Syrien und der Pluralität der arabischen Gesellschaften ergeben. Zwar dringt durchaus auch Kritik des Exilautors an den strikten Regeln und Gesetzen und den Religionskonflikten, die ihn selbst zwangen, das Land zu verlassen, durch, aber gerade das macht das Mosaik, das er entwirft, so stimmig.

Das Gefühl, das der Autor der Leserschaft von seiner Heimat vermittelt, ist nicht verklärt, das Bild ist nicht perfekt und einige Steine des Mosaiks sind angekratzt und zerbrochen, vielleicht auch falsch bemalt. Viel mehr ist sich Schami der Fehler und Ungereimtheiten der Region bewusst und geht abgeklärt daran, uns diese Welt zu zeigen, was nicht bedeutet, dass er findet, dass man ihr den Rücken kehren sollte.

Schami hat hier eine eindringliche Liebeserklärung an Syrien und Damaskus geschrieben, einer Welt, die erstaunlich erschreckend, verzaubernd wunderlich und auf verträumte Weise niederschmetternd real ist. Das Märchenhafte, das auf die geschickteste Art mit dem brutalen Alltag eines zerrissenen Landes verwoben wird, macht “Die dunkle Seite der Liebe“ zu einem so eindrücklichen Roman, dass man sich im Nachhinein schwer von seinem Zauber losreißen kann.

Gerade heutzutage sollte man sich wohl über den Tellerrand beugen und sich die Zeit für einen Schmöker wie diesen nehmen, um einen Ausflug in die Mentalität und Geschichte eines Staates zu machen, der als eine der größten, existenten Problemzonen vermutlich noch die nächsten paar Jahre Politik und Medien dominieren wird.

Traut euch einfach und schlagt mal die erste Seite auf. Ihr werdet es nicht bereuen, das garantier ich.

Die vielen Fehler der Buchverfilmungen

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„Carol“ wurde, als er herauskam, mit so gut wie allen großen Filmpreisen ausgezeichnet. Ein kurzer Vergleich mit dem Roman sorgt aber schnell für Ernüchterung.

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Als 2015 das lesbische Drama „Carol“ von Todd Haynes in die Kinos kam, wurde es als Durchbruch des queeren Kinos gefeiert, man kam unmöglich an dem Film vorbei, auch wenn man es versucht hat. Dass dem Hit ein Roman der amerikanischen Autorin Patricia Highsmith zu Grunde liegt, ist vielen nicht bewusst gewesen und wer sich nach der Konsumation des Films auf den Text eingelassen hat, war wohlmöglich schwer enttäuscht.

„Der Preis von Salz“, wie Highsmiths Original eigentlich heißt, ist nämlich, ganz im Gegensatz zu der Haynes`schen Verfilmung kein Familien- und Ehedrama mit lesbischen Untertönen, es kann viel mehr als Coming-of-Age-Roman verstanden werden, der im Sinne der psychologischen Schriftstellerei, die die Amerikanerin betrieb, kaum Wert auf Kitsch und Dramatik legt.

Die Stärken des Films sind gleichzeitig seine Schwächen, wenn es um einen Vergleich mit dem Buch geht, nämlich die Darstellung der beiden Protagonisten und vor allem Carol. Der Text ist aus der Perspektiven von Therese geschrieben, einer 19jährigen Bühnenbildnerin (wird im Film zu einer Fotografin), die ihre erste große Liebe mit einer Frau erfährt und durch die Schwierigkeiten ihres Zusammenseins erwachsen wird.

Der Figur Carol bleibt darin, obwohl sie natürlich das Denken Therese` füllt, meist im Schatten, über ihr Familienleben erfährt der Leser lediglich verspätet in Form von Dialogen, ab und zu kommen sogar Zweifel an der Verlässlichkeit der Erzählerin auf. Niemals, bis zum Ende des Romans, bricht Carols beinahe mythische Hülle auf, was auch nicht nötig ist, da sie nicht im Fokus des Textes geht. Highsmith entdeckt viel mehr das Wesen von Therese, als das ihrer Geliebten, sie interessiert sich dafür, wie ein beinahe gefühlloses junges Mädchen beginnt, ihren eigenen Willen zu entwickeln und sich selbst zu entfalten, nicht für eine bisexuelle, fertige Frau mit Scheidungsproblemen (wobei Highsmith hoch angerechnet werden muss, dass sie Carol nie als lesbisch darstellt, sondern immer als interessiert an beiden Geschlechtern, was, wenn man sich die Marginalisierung ansieht, die Bi- und Pansexuelle Menschen heute noch durchmachen, nicht selbstverständlich ist).

Gerade durch die Konzentration auf Therese und die absichtliche Vermeidung eines zu tiefen Eintauchens in Carols Leben, vermeidet Highsmith das Entstehen von Kitsch. Der Text wird sogar umso realistischer, je mehr sie sich von Therese` Geliebten fernhält. Allein die Gedanken der 19jährigen erzeugen die Dringlichkeit, die trotz der langsamen Entwicklung der Beziehung der beiden Frauen beim Leser empfunden wird. Man kann das Erwachsenwerden der jungen Therese ruhig mitverfolgen, ohne sich zu langweilen, trotz fehlender hochromantischer  Szenen und genau da liegt die Stärke des Buches. Erst durch die Trennung von Carol und Therese` Unabhängigkeit wird im Endeffekt der Boden für eine richtige Beziehung zwischen den beiden geebnet, das Abhängigkeitsverhältnis, das am Anfang entsteht, wird aufgebrochen und an dem Punkt, wo sich zwei erwachsene, freie Menschen treffen, kann eine Zusammensein funktionieren. Diese finale Aussage könnten sich noch einige kontemporäre Romane von diesem Buch aus den 1950ern abschauen.

Der Film konzentriert sich im Gegensatz dazu viel mehr auf Carol und ihr Leben als „lesbische“ Frau in einer Ehe mit einem Kind. Therese verschwindet in ihrer Darstellung beinahe hinter Carol, deren Scheidungs-, Outing- und Familienprobleme den Hauptfokus der Handlung besitzen. Wenn Therese` Leben dargestellt wird, dann mit übertriebener Symbolik und vielen küchenphilosophischen Gesprächen über die Liebe. Ihre Seite der Geschichte wird plötzlich ins Kitschige gerückt, so dass die Gespräche zwischen den beiden einen ungewollten Pathos bekommen, der in der Textgrundlage gerade vermieden wird. Man könnte argumentieren, dass Haynes, der an sich kein schlechter Regisseur ist, die andere Seite der Geschichte, eben Carols, herauszukehren, was durchaus als interessante Ergänzung an den Text funktionieren könnte, aber nicht um den Preis, die meisten positiven Eigenschaften des Romans ins Gegenteil zu kehren.

Das soll nicht heißen, dass der Film per se nicht gut gemacht ist, ganz im Gegenteil. Blanchett und Rooney Mara leisten eine eindrucksvolle Performance, ästhetisch ist der Film interessant, das Farbschema, das sich durch den Film zieht, die Schnitte, alles ist faszinierend. Trotzdem versucht der Film am Ende des Tages zu sehr, ein Kunstfilm zu sein, ohne diesem Ziel gewachsen zu sein. Er ist zu kommerziell in seiner Thematik (was auch an dem gesetzten Fokus liegt), zu direkt in seiner Symbolik (man siehe zum Beispiel den Einsatz von Fotografie oder die Bedeutung des Ortes „Waterloo“ im Film) und zu dramatisch in seiner Geschichte. Es reicht nicht, dass Carol sich, um ihre Tochter sehen zu dürfen, von Therese trennt, nein, sie muss auch noch in Psychotherapie gehen. Dass Therese keinen Kontakt zu Carol haben kann, genügt nicht, es braucht Szenen von einer weinenden Carol und verzweifelte Gespräche über ihre Beziehung, damit auch wirklich der letzte Zuseher verstanden hat WIE traurig und schlimm das ist, was den beiden angetan wird.

Diese Überspitzung nimmt dem Film sein Potential, das er durch die Vorlage, den an sich ganz und gar nicht kommerziellen Regisseur, die Schauspieler und vieles mehr gehabt hätte. Schade, dass man das nicht ausgenutzt hat, ich denke nämlich nicht, dass ein bisschen weniger Melodrama dem Film geschadet hätte, auch was seinen Erfolg angeht.