Kategorie: Film Corner

Nazi-Kitsch und wie man ihm entgegenwirken kann

Das Leben ist schön sticht wie ein Stern aus dem Berg an Spielfilmen über das Dritte Reich, den Holocaust und den 2. Weltkrieg heraus. Wer wissen will, wieso oder sich fragt, was ich mit „Nazi-Kitsch“ meine, sollte dringend weiterlesen.

Wer an Filme mit NS-Zeit Thematik denkt, dem fallen vermutlich (außer man ist zufällig ein Fan von Dokumentationen wie dem Monumentalwerk Shoah) als erstes Titel wie Der Vorleser, Der Junge im gestreiften Pyjama oder auch der relativ neue Die Bücherdiebin ein. Alles Filme, die den Zuseher berühren, ihn auf die Schrecken des Dritten Reiches hinweisen sollen…und alles Filme, die aus einem der schrecklichsten Kapitel der Menschheitsgeschichte ein Kitschfest machen.

Als wäre die Tatsache, dass Millionen an Menschen systematisch ermordet wurden, sei es in Konzentrationslagern, im Krieg oder durch Experimente in entsprechenden Einrichtungen, nicht schlimm genug, brauchen diese Filme ein überdramatisches Element. Anstatt einfach die Schrecken wirken zu lassen, weint der Zuseher viel mehr über die traurige Musik, die Tragik der Freundschaften und Liebesgeschichten, darüber, dass Beziehungen auseinandergerissen werden, aber nicht wegen den Verbrechen, die das NS-Regime an ganzen Bevölkerungsgruppen verübt hat.

Das ist nun mal die Hollywood-Herangehensweise, die die Massen anspricht, denn die Filme verlangen nicht viel mehr, als dem Soundtracks folgend die Emotionen anzupassen und lassen den Zuschauer danach mit demselben Gefühl zurück, wie wenn sie P.S. Ich liebe dich oder  Marley & Ich angesehen hätten, nur dass man sich vielleicht einen Hauch Überlegenheit einbildet, weil man sich ja mit einem „ernsten Thema“ auseinandergesetzt hat – wie oberflächlich das auch immer gewesen sein mag.

Wer jetzt ein Gegenbeispiel für so eine verkitschte Herangehensweise bei Spielfilmen mit NS- Setting haben möchte, dem würde ich Das Leben ist schön empfehlen, einer ganz und gar untypischen, italienischen Komödie, die, als sie herauskam, eine Diskussion darüber lostrat, ob es überhaupt Komödien über gewisse Themen geben darf.

Die bessere Frage ist für mich dabei, warum darf es romantisierte Melodramen über manche Themen geben? Niemals sollten Themen, wie eben der Nationalsozialismus, dafür herhalten, eine Geschichte dramatischer zu machen.

Das Leben ist schön beginnt weit weg von der eigentlichen Thematik: Mit der Liebesgeschichte zwischen dem humoristisch begabten Geschichtenerzähler und Buchhändler Guido und der hübschen Lehrerin Dora, die ihrem zukünftigen Ehemann eben durch seinen clownhaften Witz und seinen Einfallsreichtum verfällt. Diese Handlung nimmt die erste Hälfte des Films ein und, obwohl immer wieder auf den die Charaktere umgebenden Antisemitismus eingegangen wird, liegen diese nicht im Vordergrund und werden von Guido (der Jude ist) mit Witzen abgeschüttelt.

In der zweiten Hälfte des Filmes, Jahre später, als Guido und Dora bereits einen Sohn, Giosuè, haben, wird die kleine Familie schließlich deportiert und, um Giosuè davon abzuhalten zu verzweifeln, erfindet der Vater die Geschichte von einem Geburtstagsgeschenk für den Sohn, einem Spiel, das den „Ausflug“ ins Konzentrationslager darstellt. Am Ende dieses Spiels, wenn ein Team 1000 Punkte gesammelt hat, steht dem Sieger ein echter Panzer als Gewinn zu.

Durch Guidos komisches Talent, wird sein Sohn davon abgehalten, die Schrecken des Lagers als solche zu erkennen und er wird durch die „Spielregeln“ am Leben gehalten, die dafür sorgen, dass er den Soldaten der SS nicht in die Hände fällt.

Obwohl ich hier nicht tiefer auf die Handlung eingehen möchte, klingt nur in dieser kurzen Beschreibung die Tragik an, die nur eine Komödie erzeugen kann.

Achtung: Tragik, nicht Kitsch. Hier besteht der große Unterschied zu den vorhergenannten Filmen. Wenn Guido seinem Sohn vorspielt, Punkte zu sammeln, während er selbst beinahe unter der täglichen Arbeit zusammenbricht, hat das nichts Rührendes, nichts Romantisches. Es ist skurril, man möchte fast Lachen über die Absurdität der Situation, doch gleichzeitig will einen die Tragik dahinter weinen machen.

Das Leben ist schön schafft es, trotz enorm hohem Unterhaltungswert und großen Lachern, den Zuschauer mitfühlen zu lassen. Er fordert ständig, mitzudenken, man möchte kichern, aber das Geräusch erstickt einem in der Kehl und wenn der Abspann läuft, ist es nicht so einfach, diese Gefühle runter zu waschen.

Der Grund dafür ist ganz einfach. Anstatt, dass man Emotionen zusieht, entwickelt man im Zuge des Films selbst welche und sich aus der Welt zu befreien, die Roberto Benigni geschaffen hat, braucht Zeit.

Es klingt ganz einfach, doch wohl auch aufgrund des Respekts, der dem NS-Regime und seinen Schrecken, zurecht, entgegengebracht wird, verfälschen und verkitschen die künstlerischen Aufarbeitungen oft. Schwarze Pädagigik sorgt dafür, dass man glaubt, über so ernste Themen nicht lachen zu können, dabei ist Humor oft der beste Weg, mit schwierigen Dingen umzugehen. Wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt, wenn man berührt wird, durch das Mitfühlen, das Humor verlangt, dann kann auch in einem so begrenzten Medium, wie es im Endeffekt jedes Mittel der Kunst ist, Unaussprechliches ansprechen. Die lächerliche Geschichte um den Clown Guido adressiert die Tragik und den Schrecken des Holocaustes viel eher, als es die ernste Liebesgeschichte in Der Vorleser etwa tut, weil dem Zuseher erst durch die Absurdität der Handlung, die zum Lachen führt, ermöglicht wird, unausgesprochen die vorgehenden Abscheulichkeiten zu erfühlen.

Fazit: Ich hasse wenig mehr als Nazi-Kitsch und wer meine Kritik am Mainstreamkino für sich selbst noch einmal prüfen will, dem empfehle ich, sich Das Leben ist schön anzusehen und ihn danach mit „ernsten“ Filmen zum Thema zu vergleichen. Ich bin offen für Diskussionen, wenn jemand andere Schlüsse zieht.

The manifold flaws of adapting books for film

When it was launched, Carol was honored with just about every major motion picture award. But a brief comparison with the novel is a direttissima to disillusionment.

CAROL

When Todd Haynes‘ lesbian drama Carol was released at the box office, it was celebrated as a breakthrough of queer cinema. One could not avoid the movie even if one tried. Many did not realize that the box office hit was based on a novel by American author Patricia Highsmith. Those who indulged in the text after consuming the film may well have been abjectly disappointed.

That is because, contrary to Haynes’ film version, The Price of Salt, as Highsmith’s original was actually titled, is no family and marriage drama with lesbian undertones. Rather, it may be viewed as a coming-of- age novel that, in accordance with the American woman author’s psychologizing literature, placed hardly any emphasis on kitsch and drama.

When it comes to comparing it to the novel, the movie’s strengths are also its weaknesses, especially looking at the portrayal of the two protagonists, especially Carol. The text is written from Therese’s perspective, a 19-year- old stage designer who experiences her first great love with a woman and becomes an adult through the complications of their togetherness.

The character of Carol, although it obviously occupies Therese’s thinking, remains largely in the shadows. Only belatedly, the reader learns of her family life from dialogs, and at times, there are even doubts about the narratrix’ credibility. Never until the end of the novel does Carol’s mythical shell suffer any cracks. It is not necessary because the text is not focused on her. Much rather, Highsmith discovers the character of Therese than that of her lover, she is curious how an almost unfeeling young girl starts to develop a will of her own and to evolve her dimensions, not about a bisexual woman with a troubled divorce. Highsmith deserves great credit for never portraying Carol as a lesbian but always as interested in both sexes. That is by no means par for the course in light of widespread marginalizing of bi- and pansexual people even today.

Precisely by concentrating on Therese and intentionally avoidance of delving too deep into Carol’s life, Highsmith prevents the accrual of kitsch. Her text becomes all the more realistic the more she stays away from Therese’s lover. Just the thoughts of the 19-year- old create the urgency the reader senses despite slow development of the relationship between the two women. One can follow young Therese’s coming of age safely without getting bored, despite great romance, and therein precisely lies the novel’s strength. It is only by Therese’s separating from Carol and her independence that the playing field between the two is evened out, that the dependent relationship between them as it occurred in the beginning is busted open and at the point where two free and adult people meet, togetherness becomes workable. This final conclusion is something quite a few contemporary novels would do well to coopt from this book from the 1950s.

By contrast, the movie focuses much more on Carol and her life as a “lesbian“ woman in a marriage that involves as child. The portrayal of Therese almost disappears behind Carol whose problems with divorce, outing and family are the story line’s principal focus. Whenever Therese’s life is shown, it is overfraught with symbolism and a great deal of kitchen table philosophy about “love.” Her side of the story is suddenly painted with a kitschy hue so that the conversations between the two assume an unintended degree of Pathos carefully avoided in the underlying novel. One could argue that Haynes, not a bad director, wanted to emphasize the other side of the story, that is, Carol’s, and this could turn out to be quite an interesting supplement to the text – but not at the price of turning most of the novel’s beneficial properties into their opposite.

This is not to say that the movie per se was not done well, quite the opposite. Blanchett and Rooney Mara give commanding performances, the flick is esthetically interesting, the color scheme applied throughout the film is fascinating. Nevertheless, it tries to hard to be an art – house film without actually rising up to this ambition. Its theme is too commercial (a fact also based on the chosen focus), too direct in its symbolism (think of the use of photography or the importance of the location of “Waterloo” in the movie) and too dramatic in its story line. It does not suffice that Carol breaks up with Therese to be able to see her daughter, no, she also needs to have psychotherapy. Not enough that Therese may not have contact with Carol, there have to be scenes of Carol crying and desperate conversations about their relationship so that even the last viewer understands just HOW sad and tragic things are being done to them.

This exaggeration deprives the movie of the potential it would have had by virtue of the novel, its fundamentally non-commercially oriented director, the actors and many additional factors. It is a pity that not more was made of that, and I happen to believe that playing a bit less on the melodramatic note would not have hurt the movie’s success, even at the box office.

Die vielen Fehler der Buchverfilmungen

English Version

„Carol“ wurde, als er herauskam, mit so gut wie allen großen Filmpreisen ausgezeichnet. Ein kurzer Vergleich mit dem Roman sorgt aber schnell für Ernüchterung.

CAROL Quelle: http://lovelace-media.imgix.net/uploads/36/9d2fee00-c0b9-0133-f0b7-0a6c20e5e327.jpg?

Als 2015 das lesbische Drama „Carol“ von Todd Haynes in die Kinos kam, wurde es als Durchbruch des queeren Kinos gefeiert, man kam unmöglich an dem Film vorbei, auch wenn man es versucht hat. Dass dem Hit ein Roman der amerikanischen Autorin Patricia Highsmith zu Grunde liegt, ist vielen nicht bewusst gewesen und wer sich nach der Konsumation des Films auf den Text eingelassen hat, war wohlmöglich schwer enttäuscht.

„Der Preis von Salz“, wie Highsmiths Original eigentlich heißt, ist nämlich, ganz im Gegensatz zu der Haynes`schen Verfilmung kein Familien- und Ehedrama mit lesbischen Untertönen, es kann viel mehr als Coming-of-Age-Roman verstanden werden, der im Sinne der psychologischen Schriftstellerei, die die Amerikanerin betrieb, kaum Wert auf Kitsch und Dramatik legt.

Die Stärken des Films sind gleichzeitig seine Schwächen, wenn es um einen Vergleich mit dem Buch geht, nämlich die Darstellung der beiden Protagonisten und vor allem Carol. Der Text ist aus der Perspektiven von Therese geschrieben, einer 19jährigen Bühnenbildnerin (wird im Film zu einer Fotografin), die ihre erste große Liebe mit einer Frau erfährt und durch die Schwierigkeiten ihres Zusammenseins erwachsen wird.

Der Figur Carol bleibt darin, obwohl sie natürlich das Denken Therese` füllt, meist im Schatten, über ihr Familienleben erfährt der Leser lediglich verspätet in Form von Dialogen, ab und zu kommen sogar Zweifel an der Verlässlichkeit der Erzählerin auf. Niemals, bis zum Ende des Romans, bricht Carols beinahe mythische Hülle auf, was auch nicht nötig ist, da sie nicht im Fokus des Textes geht. Highsmith entdeckt viel mehr das Wesen von Therese, als das ihrer Geliebten, sie interessiert sich dafür, wie ein beinahe gefühlloses junges Mädchen beginnt, ihren eigenen Willen zu entwickeln und sich selbst zu entfalten, nicht für eine bisexuelle, fertige Frau mit Scheidungsproblemen (wobei Highsmith hoch angerechnet werden muss, dass sie Carol nie als lesbisch darstellt, sondern immer als interessiert an beiden Geschlechtern, was, wenn man sich die Marginalisierung ansieht, die Bi- und Pansexuelle Menschen heute noch durchmachen, nicht selbstverständlich ist).

Gerade durch die Konzentration auf Therese und die absichtliche Vermeidung eines zu tiefen Eintauchens in Carols Leben, vermeidet Highsmith das Entstehen von Kitsch. Der Text wird sogar umso realistischer, je mehr sie sich von Therese` Geliebten fernhält. Allein die Gedanken der 19jährigen erzeugen die Dringlichkeit, die trotz der langsamen Entwicklung der Beziehung der beiden Frauen beim Leser empfunden wird. Man kann das Erwachsenwerden der jungen Therese ruhig mitverfolgen, ohne sich zu langweilen, trotz fehlender hochromantischer  Szenen und genau da liegt die Stärke des Buches. Erst durch die Trennung von Carol und Therese` Unabhängigkeit wird im Endeffekt der Boden für eine richtige Beziehung zwischen den beiden geebnet, das Abhängigkeitsverhältnis, das am Anfang entsteht, wird aufgebrochen und an dem Punkt, wo sich zwei erwachsene, freie Menschen treffen, kann eine Zusammensein funktionieren. Diese finale Aussage könnten sich noch einige kontemporäre Romane von diesem Buch aus den 1950ern abschauen.

Der Film konzentriert sich im Gegensatz dazu viel mehr auf Carol und ihr Leben als „lesbische“ Frau in einer Ehe mit einem Kind. Therese verschwindet in ihrer Darstellung beinahe hinter Carol, deren Scheidungs-, Outing- und Familienprobleme den Hauptfokus der Handlung besitzen. Wenn Therese` Leben dargestellt wird, dann mit übertriebener Symbolik und vielen küchenphilosophischen Gesprächen über die Liebe. Ihre Seite der Geschichte wird plötzlich ins Kitschige gerückt, so dass die Gespräche zwischen den beiden einen ungewollten Pathos bekommen, der in der Textgrundlage gerade vermieden wird. Man könnte argumentieren, dass Haynes, der an sich kein schlechter Regisseur ist, die andere Seite der Geschichte, eben Carols, herauszukehren, was durchaus als interessante Ergänzung an den Text funktionieren könnte, aber nicht um den Preis, die meisten positiven Eigenschaften des Romans ins Gegenteil zu kehren.

Das soll nicht heißen, dass der Film per se nicht gut gemacht ist, ganz im Gegenteil. Blanchett und Rooney Mara leisten eine eindrucksvolle Performance, ästhetisch ist der Film interessant, das Farbschema, das sich durch den Film zieht, die Schnitte, alles ist faszinierend. Trotzdem versucht der Film am Ende des Tages zu sehr, ein Kunstfilm zu sein, ohne diesem Ziel gewachsen zu sein. Er ist zu kommerziell in seiner Thematik (was auch an dem gesetzten Fokus liegt), zu direkt in seiner Symbolik (man siehe zum Beispiel den Einsatz von Fotografie oder die Bedeutung des Ortes „Waterloo“ im Film) und zu dramatisch in seiner Geschichte. Es reicht nicht, dass Carol sich, um ihre Tochter sehen zu dürfen, von Therese trennt, nein, sie muss auch noch in Psychotherapie gehen. Dass Therese keinen Kontakt zu Carol haben kann, genügt nicht, es braucht Szenen von einer weinenden Carol und verzweifelte Gespräche über ihre Beziehung, damit auch wirklich der letzte Zuseher verstanden hat WIE traurig und schlimm das ist, was den beiden angetan wird.

Diese Überspitzung nimmt dem Film sein Potential, das er durch die Vorlage, den an sich ganz und gar nicht kommerziellen Regisseur, die Schauspieler und vieles mehr gehabt hätte. Schade, dass man das nicht ausgenutzt hat, ich denke nämlich nicht, dass ein bisschen weniger Melodrama dem Film geschadet hätte, auch was seinen Erfolg angeht.