Kategorie: Artist

Wie viele Menschen passen in 43 Minuten?

Vor zwei Jahren startete die elektronisch angehauchte Indieband Glass Animals mit ihrem Debütalbum Zaba kopfüber hinein in die internationale Musikszene. Mit ihrer zweiten Platte How To Be A Human Being haben die vier Jungs aus Oxford ein weiteres Mal bewiesen, wieso sie dort nicht mehr wegzudenken sind.

Man kann sagen, dass  Glass Animals mit Zaba ihren einmaligen Sound etabliert haben. Die experimentelle Mischung, aus starken Beats, exotischen Trommeln und elektronischen Sounds aller Art macht die britische Indieband unverwechselbar. Es scheint, als hätten die vier Musiker jetzt in ihrem zweiten Album (Veröffentlichung: 26. August) versucht, auch über ihren Klang hinaus neue Höhen zu erreichen, was ihnen durchaus gelingt.

How To Be A Human Being beschäftigt sich thematisch, wie der Titel bereits verrät, mit verschieden Spielarten des menschlichen Lebens, mit verschiedenen Situationen, Personen und Lagen. Hierbei schlüpft Sänger Dave Bayley gekonnt zwischen den Rollen hin und her, mal als gescheiterter Muttersohn, als Lover, Junkie, psychisch gestörte Mörderin oder Stoner Girl. So bunt wie der Regenbogen sind die Charaktere, die Bayley durch die Titel hindurch verkörpert, und mindestens so gewaltig ist die Vielfalt des Geräuschspektrums, das Glass Animals für ihrer Musik verwendet.

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Wie man es aus Zaba bereits gewohnt ist, wird unter den Händen der Gruppe Lärm zu Geräuschen und aus einer Geräuschkulisse ein ganzer Musiktitel. Die typischen Bongoklänge, die oft den treibenden Rhythmus angeben, bleiben auch in ihrem zweiten Album bestehen. Bereits der Auftakt Life Itself ist davon definiert und hypnotisiert den Zuhörer, zieht ihn quasi in die Musik und damit in einen Trip quer durch elf Leben durch.

Dass sich die Kompositionen bald von den tropischen Klängen entfernen, tut keinen Abbruch. Von sensuellen Titeln, wie Take A Slice, die von einem langsamen R&B-Beat dominiert sind, über fast psychedelische Stücke wie Season 2 Episode 3 oder Cane Shuga bis hin zu Nummern wie Mama`s Gun, einem Song über eine psychisch beeinträchtigte Ehefrau, die einen Mord begeht, ein Titel, der einem musikalisch schon die Gänsehaut hochkommen lässt, ist alles dabei. Das Spektrum kennt praktisch kaum Grenzen. Sogar a-capella-Raps wie [Premade Sandwiches], der sich mit dem verzerrten Verhältnis der Konsumgesellschaft zu ihren geliebten Gütern beschäftigt, fügen sich neben leicht funkigen Nummern wie Poplar St ein. Das soll freilich nicht heißen, dass das nahtlos geschieht. Ganz im Gegenteil, oft wirken die Wechsel zwischen den verschiedenen Lebensrealitäten abrupt, aber ich denke bei einer Gruppe wie Glass Animals kann man hier getrost von einer gewissen Absicht ausgehen.

Bei aller Experimentierfreudigkeit, über die sich die Band auszeichnet, bleiben sie sich und ihrem Stil trotzdem treu. Soll heißen: Wer Glass Animals einmal gehört hat, würde sie überall erkennen, momentan sind sie nämlich definitiv eines der Projekte mit dem höchsten Wiedererkennungswert auf der internationalen Musikbühne.

Also, wer sollte sich How To Be A Human Being unbedingt anhören? Ganz einfach: Jeder, der keine Phobie gegen Elektroelemente in seiner Neuerscheinung hat. Nicht nur bietet das Album genügend Leerstellen, um als passionierter Musikliebhaber seine Freude daran zu haben, auch diejenigen, die bloß einen Soundtrack für ihren nächsten Nachmittag mit Freunden auf der Couch suchen, werden hier fündig. Glass Animals drängt sich nicht auf, sondern fügt sich in so gut wie jede Situation ein, vergleichbar mit ähnlich veranlagten Bands (etwa Foster The People), trotzdem kann man die Platte immer wieder hören und wird jedes Mal ein neues Detail entdecken, das davor übersehen wurde.

Spannend, traurig, beängstigend, sexuell, entspannt, aufregend…ganz wie der Albumtitel es verspricht.