Literaturkritik?

Wie viele Studenten voller Pläne mit leerem Geldbörserl, habe auch ich mich immer wieder in der Situation wiedergefunden, Deutsch- und Englischnachhilfe zu geben. Diese beiden Fächer haben Vorteile, wie dass man oft mit ein wenig Sprachverständnis und Sprachgefühl sehr weit kommen kann, ergo sich wertvolle Vorbereitungszeit erspart, jedoch auch Nachteile. Und so einer ist das allgemeine Unverständnis, wie man mit literarischen Texten umgeht.

Der erste Satz, der einem in beinahe allen interpretativen Studien entgegen geworfen wird, ist: „Bereite dich darauf vor, keinen Job zu finden.“ Auch wenn diese Aussage nicht ganz richtig ist (Geisteswissenschafter haben zwar statistisch gesehen etwas längere Zeiten der Jobsuche nach dem Studium, es ist aber sehr unüblich, dass sie überhaupt nichts finden), sie drückt doch einen allgemeinen Trend aus, nämlich den der Abwertung von qualitativen Disziplinen als nutzlos und vor allem einfach. Besonders diejenigen, die sich mit Kunstkritik, in meinem Fall Literaturkritik, auseinandersetzen, sind dieser Ansicht ausgesetzt.

Das tut weh.

Erstens, weil es eine Beleidigung für all jene ist, die Stunden an Recherche und Arbeit in Analysen und Interpretationen stecken. Zweitens, weil es den Wert der untersuchten Werke erheblich schmälert und die Arbeit der Künstler selbst heruntermacht, die oft Jahre für einen Text, ein Bild, einen Film opfern. Drittens, weil diese Aussage von einem teifen Unverständnis gegenüber dem Wert und der Funktion von Kunst allgemein zeugt. Und viertens, und das ist vielleicht der grundlegendste Punkt, weil es einfach nicht stimmt. Nicht jeder kann einfach so interpretieren. Um genau zu sein wage ich sogar zu behaupten, dass kaum jemand „einfach so“ mit dichten, komplexen Texten umgehen kann.

Regelmäßig fasse ich mir an den Kopf, wenn ich mit Kindern oder deren Eltern spreche und sie gerade Textinterpretationen durchmachen. Nicht, weil beide Parteien die Romane  oder Gedichte oder was es auch sei, nicht verstehen, das ist zwar, meiner Meinung nach oft der Fall, aber das hat nichts mit ihren Kapazitäten dazu zu tun.

Viel schockierender ist, dass von Dreizehn- und Vierzehnjährigen erwartet wird, dass sie ohne jegliche Anleitung oder Vorbildung komplexe künstlerische Werke verstehen und ihre Eltern, die meistens selbst nie einen Zugang beigebracht bekommen haben, genauso ignorant sind, wie die Lehrer, und kaum sinnvollen Input geben.

Ich studiere inzwischen seit beinahe vier Jahren Literaturwissenschaft, mein täglich Brot ist es, Texte zu lesen, zu interpretieren und zu erklären, was darin steckt. Ich habe Vorlesungen und Seminare und Übungen um eine Stütze für diese Arbeit zu bereiten und bekomme theoretische Einführungen und Tipps von Professoren, die sich selbst in den groben Themenkomplex eingearbeitet haben. Ich habe Zugang zu zig Datenbanken und Bibliotheken und verbringe pro Interpretation, natürlich abhängig von geforderter Länge und Rahmen, zwei Wochen bis einen Monat nur mit Recherche für einen bestimmten Aspekt, auf den ich meine Analyse herunterbrechen will. Da geht es also noch gar nicht um ein tatsächliches Verständnis des Textes als Ganzes, sondern nur um den winzigen Ausschnitt, den ich mir in diesem gewaltigen Mosaik herausgesucht habe. Fachlich bedingt habe ich vermutlich eine größere Menge und ein breiteres Spektrum an literarischen Texten gelesen, als Angehörige anderer Studien oder Berufszweige und habe Vorwissen in Bezug auf Stil, Stilmittel, Literaturgeschichte, Literaturtheorie und erarbeite mir meistens einen historischen Unterbau.

Und trotzdem würde ich mir nie einbilden, irgendeinen Roman auf Anhieb zu verstehen und auch nie von jemanden erwarten, dass er „einfach so“ erkennt, auf was ein Text Bezug nimmt oder welche Themen er behandelt. Es ist klar, dass Teenager keine wissenschaftlichen Arbeiten in der Schule produzieren müssen, sie sollten nicht für jede Buchbesprechung einen derartigen Aufwand betreiben. Aber sie zu Interpretationen zu zwingen, ohne ihnen eine Basis zu bieten, ist schlicht und ergreifend unfair. Es fehlt ein grundsätzliches Verständnis dafür, was Literatur macht, wie sie funktioniert und wieso es so wichtig ist, sich mit ihr zu beschäftigen; Kinder, die bereits ein Interesse in Bücher haben, werden ein viel einfacheres Spiel haben, weil sie  Referenzpunkte haben, vergleichen können, wie welche Themen angesprochen werden und so weiter.

Hier in Österreich geht der Trend weg von Pflichtliteratur in der Schule, es gibt immer weniger sogenannte „Klassiker“, die gelesen werden müssen. Trotzdem bleibt Interpretation ein fixer Bestandteil von Schularbeiten und Klausuren. Man könnte natürlich argumentieren, dass weiterhin Stilmittel und Textaufbau unterrichtet werden, man bespricht jedoch immer weniger literarische Strömungen, Autoren und grundsätzliche Theorien und Ideen.

In jedem anderen Fach wäre es lächerlich zu glauben, Kinder unvorbereitet auf komplexe Zusammenhänge loszulassen, würde zu etwas bringen. Kein Mathematikprofessor käme auf die Idee, Vektoren und Integrale vor Addition und Multiplikation durchzunehmen, kein Geschichteprofessor würde über den zweiten Weltkrieg sprechen, ohne davor Zeit mit dem ersten Weltkrieg und die Vorkriegsordnung der Monarchien in Europa zu verbringen. Wenn es aber um Kunst geht, verlangen wir plötzlich, dass ein generelles Grundverständnis und Vorwissen einfach gegeben ist.

Das hängt, meines Erachtens nach, mit der generellen Abwertung von Kunst und Kultur zu etwas obsoleten und nebensächlichen zusammen, vor allem, weil man in der Wirtschaft kein direktes Kapital daraus schlagen kann. Und das ist schade. Denn Kunst ist eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit, eine Art, über gesellschaftliche Zustände und fremde Leben zu lernen, sie kann eine Zeitreise sein, eine Reflexion, eine Stütze und auch ein Mittel des Protests. Dadurch, wie in Schulen aber damit umgegangen wird, verlieren Kinder den Zugang zu dieser künstlerischen Welt, die ein so wichtiger Bestandteil der menschlichen Geschichte und Kultur ist. Wenn Kunstverständnis zur Selbstverständlichkeit erklärt wird, wird jeder, der es nicht „besitzt“, als ungenügend und minderbegabt hingestellt und sich in weiterer Folge diesem Gefühl nicht mehr aussetzen wollen. Das geht einher mit einem Verlust an analytischen Denken, das immer auch kritisches Denken ist und mit einem grundsätzlichen Verlust eines gewaltigen Teils unseres kulturellen Erbes.

Da kann man sich schon einmal resigniert an den Kopf fassen.

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