Das Mieder der aufgeklärten Frau oder Ein Beispiel für feministische Literaturkritik

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Für den Autonormalverbraucher sorgt der Begriff „Feminismus“ erst mal zu einer Abwehrreaktion, denn eigentlich möchte sich niemand mit einer „männerverachtenden, überempfindlichen und vollkommen überholten“ Strömung identifizieren. Und überhaupt, was hat das Ganze mit Literatur zu tun?

Nun, zum einen gehören solche Bilder von einer so wichtigen Strömung aufgelöst, damit eine echte Reflexion zu vielen Themen möglich ist und auch damit Verbindungen gezogen und Zusammenhänge erkannt werden können. Zum zweiten ist nicht nur das Private politisch, wie man seit den 70ern weiß, sondern auch alle Literatur. Ja, alle Literatur. Texte sind ein Spiegel ihrer Zeit, da kein Autor sich aus seiner konkreten Lebenssituation genug herauslösen kann, um fern ab von allem Politischen zu schreiben. Überall schleichen sich unbewusst Vorstellungen, Haltungen, Meinungen, Konstellationen ein, die das Bild eines konkreten gesellschaftlichen Geflechts erzeugen. Bedenkt man, dass bereits die Familie die kleinste politische Einheit ist, wird sich jeder denken können, wie eine Geschichte ohne gesellschaftlich produzierte Rahmen aussehe. Kurz: Literatur ist geronnene Politik.

Nachdem das für diese kleine theoretische Einführung festgehalten wurde, können wir zu den (queer)feministischen Ansätzen vorrücken. Damit das alles aber nicht so trocken ist, werde ich mich hierbei auf zwei Texte beziehen: 1. Auf „Fleischmarkt“ von Laurie Penny, als politischen Basistext und 2. Auf „Das gesprengte Mieder“ von Susanne Kubelka, einem historischen Roman, der in Enns um 1900 spielt.

„Fleischmarkt“ ist Laurie Penny`s erste Veröffentlichung in Form eines Buches. 2011 erschienen, beschäftigt sich der Text mit dem weiblichen Körper im Spätkapitalismus und beschreibt einige der Repressionen, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind. Einige davon sind Pornographie, Essstörungen und Hausarbeit.

Kubelkas Roman dagegen erzählt dagegen die Geschichte des jungen Mädchens Minka, die zu einer Dame von hohem Stand erzogen wird, was die Verdrängung des weiblichen Geschlechts in die häusliche Sphäre, die absichtliche Nicht-Bildung und Unterdrückung jeglicher Aufklärung und auch das Tragen des um die Jahrhundertwende gängigen Mieders beinhaltet.

Dass ein heutiger Leser hier viele Ungerechtigkeiten gegenüber dem weiblichen Geschlecht erkennen, sich bei den traurig-komischen Vorstellungen des Mädchens an den Kopf greifen und entsetzt über die vorsätzliche gesamtgesellschaftliche Verstümmelung des Körpers der Frau sein wird, sei dahin gestellt. Das Ziel des Romans ist es ganz klar, uns betroffen zu machen und uns aufseufzen zu lassen vor Glück, dass wir nicht mehr in diesen Zeiten wohnen.

Was an diesem Text interessant ist, sind vor allem die Parallellen, die Kubelka bewusst oder unbewusst zur heutigen Zeit aufzeigt, was allerdings erst klar wird, wenn wir uns auf feministische Theorien stützen.

Pornographie etwa wird von Penny, stark vereinfacht, als oft einziges Aufklärungsmittel und damit Verschleierung der echten (weiblichen) Sexualität erkannt. Ein Kind des 21. Jahrhunderts hat in einer Welt zu leben, die zwar stark sexualisiert ist, die Sexualität allerdings so hochstilisiert, dass kaum ein reales Bild davon zustande kommen kann. Schweiß, Gesichtsverzerrungen, die oft humorvoll-intimen Momente der echten Körperlichkeiten werden nicht vermittelt, so dass in die ersten sexuellen Erlebnisse mit ganz anderer Erwartung gegangen wird, als die Realität bieten kann. Penny bringt hier etwa das Beispiel eines jungen Mannes, der erwartet, dass einer Frau beim Geschlechtsverkehr ins Gesicht gespritzt werden muss. Vor dem Hintergrund einer so gearteten seltsam-ironischen Mystifizierung des sexuellen Aktes per se wirkt es nicht abwegig, dass Kubelka ihren Roman in eine Zeit setzt in der gerade das Unwissen der jungen Damen zum guten Ton gehörte. Genau wie, Penny zufolge, viele junge Frauen heute, wird die Protagonistin Minka im Dunkeln gelassen, sowohl über den Geschlechtsakt als auch über ihren eigenen Körper.

Hier wären wir beim nächsten Punkt, bei der Verfremdung des eigenen Körpers und das Unwissen über diesen. Die symbolisch und historisch expliziteste Ausdrucksform dieser Phänomene ist das Mieder, oder Korsett, wie es besser bekannt ist. Tatsächlich ist dieses das zentrale Bild in dem Roman, das die Protagonistin in ihrer Bewegungsfreiheit, Redefreiheit und auch Freiheit zu Atmen einschränkt, sie künstlich behindert und wortwörtlich einsperrt. Historisch gesehen ist Kubelkas Beschreibung eines Korsetts sehr wirklichkeitsgetreu: Das Kleidungsstück, dass sich aus festem Stoff, Fischgräten und/oder Stahlstäben im Rücken zusammensetzte, wurde um die Jahrhundertwende in beinahe ganz Europa von 80-90% der Frauen getragen und führte zu enormen gesundheitlichen Folgen, die bis zu einem verfrühten Tod gehen konnten. Das Ideal, das es zu verfolgen galt, war, zumindest in der Habsburgermonarchie, Kaiserin Elisabeths Taille, die sogar bis auf 32 cm geschnürt worden sein soll. Der Körper der Frau sollte wespenartig sein und einer S-Linie folgen, wobei jedoch je nach konkreter Mode die Oberweite und die Hüften betont oder mitgeschnürt wurden.

Nun, in Minkas Abneigung und schlussendlich auch Ablehnung des Kleidungsstücks wird auch eine unbewusste Nachricht an die Leserschaft verschickt, die sich ähnlich entscheiden soll. Natürlich ist ein Korsett schon lange kein Massentrend mehr (auch wenn sich diese Mode immer größerer Beliebtheit erfreut und tatsächlich als erotisches Symbol missbraucht wird), doch wenn man Laurie Penny folgt, ist schnell klar, dass die Deformierung des menschlichen – besonders des weiblichen – Körpers in den modernen Medien den Beitrag des Korsetts in der Gesellschaft abgelöst hat. Den Leuten wird durch illusorische Bilder eingeredet, dass eine schlanke, fast knochige Frau – also eine körperlich verhungernde, schwache Frau –  ein erstrebenswertes Ideal ist. Das Suggerieren eines Schlankheitswahns ist das heutige Korsett der Weiblichkeit und es ist bemerkenswert, dass, obwohl die Symptome andere sind, Laurie Penny und Kubelka hier denselben Vorgang beschreiben, ohne es zu wollen.

Der letzte Punkt, den ich hier ansprechen möchte, ist das Thema Hausarbeit. Dass die Frau im Setting des Romans systematisch in das Private und Häusliche gedrängt wird, ist, was in der Realität heute noch passiert. Hausarbeit ist in den meisten Fällen jetzt auch noch Frauenarbeit und zwar unbezahlte. Hierauf weist Laurie Penny explizit hin und auch auf die beinahe systematische Verdrängung, auch der Männer, in gewisse Gruppen. Der Stolz und die Fähigkeiten einer Frau werden an der Sauberkeit ihres Wohnraums gemessen, während einem Mann oft nicht einmal beigebracht wurde, wie man bestimmte Hausarbeiten erledigt, so dass hier auch die Möglichkeiten zur Hilfe gehemmt werden.

Dieses Phänomen, mit dem wir uns noch heute konfrontiert fühlen, hat ihren Ursprung tatsächlich im Aufstieg des Bürgertums, im Zuge dessen Frauen immer in den privaten Raum verbannt wurden, also die Zeit, in der der Roman spielt. Exemplarisch befreit sich die Protagonistin natürlich aus diesen Zwängen und führt ein freies Leben, außerhalb der eigenen vier Wände. Kubelkas Heldin erstickt die Quelle unserer heutigen Situation also sprichwörtlich im Keim und sendet hiermit, ohne es zu wollen, ein Signal an die Leser, eine Botschaft beziehungsweise eher einen Appell.

Natürlich könnte man mit Texten, wie etwa dem von Laurie Penny, der hier als Beispiel für viele feministische Ideen- und Theoriegebilde steht, noch über lange Zeit so weitermachen und noch bei weitem Tiefer gehen, als ich es hier gemacht habe. Diese kurze Interpretation soll ein Beispiel für die Anwendung feministischer Theorien auf die Literatur sein. Da diese Strömung sich nicht explizit der Literatur zuwendet, ist es oft ein wenig schwieriger, die Anwendungen zu erkennen, als bei tatsächlich literaturwissenschaftlich angelegten Texten, aber hält man sich vor Augen, dass auch Belletristik politisch und noch vieles mehr sein kann, ergibt sich oft ein Zusammenhang zwischen Text und Theorie, der sogar aus einem vermeintlich irrelevanten, historischen Roman mit viel Kitsch und Rechtschreibfehlern ein Text mit starker Aussagekraft und hohem Potenzial machen kann.

 

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