Friedhofshumor aus Wien

Wem Dolichotis nichts sagt und bei der Erwähnung den nächsten Tab zückt, der sollte sich an dieser Stelle gleich darauf einstellen, dass ich nicht unter die Biologen gegangen bin und daher nicht die auch „Mara“ genannten Pampahasen aus Argentinien meine, wenn ich den diese Anrede im weiteren Verlauf verwende. Im Gegensatz zu den Nagetieren mit direkter Verwandtschaft zum Meerschweinchen, ist Dolichotis nämlich nicht in Argentinien verbreitet, sondern im Internet, genauer gesagt auf einem kleinen Blog aus Österreich, der für alle Literaturbegeisterten experimentelle und erfrischende Kurzgeschichten bereit hält, wie zum Beispiel Regen mit i.

Regen mit i ist der Name des jüngste veröffentlichte Texte von Dolichotis und erzählt von einem Gedanken, mit dem bestimmt die meisten schon einmal gespielt haben: Sex im Freien. Die Ortswahl ist jedoch etwas untypischer und wienerischer als etwa der Strand oder der Wald. Konkret geht es nämlich um Sex auf einem Friedhof.

Was die Geschichte so ungeheim unterhaltsam macht, ist die Art, wie Dolichotis jeglichen makaberen Friedhofsflair oder lustvoll-idealisierte Sexfantasie mit unerwartetem Pragmatismus begegnet. Von einem durchsichtigen Zelt über ein Fliegengitter am Eingang eines Familiengrabes geht die Erzählstimme alle Möglichkeiten durch, wie man diverse Hinderungsmöglichkeiten am Vorhaben eliminieren könnte.

Der trockene, ernsthafte Ton der Geschichte fängt den Leser sofort ein, verzichtet jedoch darauf, obwohl es um Geschlechtsverkehr geht, in Kitsch und Überschwänglichkeiten zu verfallen, was auch gar nicht nötig ist. Die Ernsthaftigkeit, mit der die äußeren Umstände  beschrieben, durchdacht und verworfen werden, führen viel näher an das Thema heran, als detaillierte Beschreibungen es könnten.

Der Rückzug von allem Sexuellen erzeugt erst das humorvoll-ulkige Gefühl, das die Umstände eines Geschlechtsverkehrs (im Freien) viel eher und unverfälschter einfängt, als wir es heute von Hollywoodschnulzen, rechtschreibfehlerdurchfressenen Liebesromanen oder auch der Pornoindustrie kennen. Es vermittelt genau das, was dieser Vorgang im Endeffekt wäre: unbequem, lustig, ein wenig gestresst und definitiv peinlich und insektenzerfressen.

Der feine Humor, der hinter jeder nüchternen Zeile steht, macht diesen kurzen Text in ein paar Zeilen zu einer willkommenen Ablenkung von allen anstrengenden Gedanken, die einem so im Kopf herumspuken. Durch seinen Stil, der an einen Inneren Monolog oder Stream of Consciousness erinnert, also eigentlich mehr eine Assoziationskette ist, als ein herkömmlicher Prosatext, findet der Text schnell seinen Weg in die Aufmerksamkeit des Lesers und durch seine Kürze schafft er es, diese Aufmerksamkeit auch zu halten.

Wer also Lust auf einen experimentellen Blogausflug hat, dem empfehle ich, Regen mit i auszuprobieren und sich hier vielleicht ein neues Abonnement für gelegentliche Unterhaltung aus einer sozusagen „feinen Feder“ zu holen. Unter: https://dolichotinae.wordpress.com/2016/09/10/regen-mit-i/ findet ihr den ganzen Text.

Enjoy!

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