Gereifter Punk in Endzeitstimmung

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Für viele, die in den späten 80ern und frühen 90ern geboren worden sind, werden bei dem Namen „Billy Talent“Erinnerungen an die Teenagerjahre aufkommen. Gute Nachrichten, seit heute gibt es ein neues Album.

Seit Surrender ist die kanadische Punkrock Band im Mainstream angekommen oder diesem zumindest ein Begriff. Heute, am 29. Juli 2016 ist ihr neues Album Afraid of Heights herausgekommen und auch ohne Drummer Aaron Solowoniuk (er wird momentan aufgrund seiner Multiplen Sklerose durch Jordan Hastings von Alexisonfire ersetzt) ist es eines der aggressivsten und kritischsten Werke, die die Gruppe je veröffentlicht hat.

billy-talent-tickets-2016

Zwei Jahre haben sich die Kanadier Zeit für das Album genommen und das merkt man. Nicht nur ist die Gruppe, die sich selbst im Punk einordnet, jedoch oft auch ins Alternative abrutscht, experimentierfreudiger, als noch auf dem Vorgänger Dead Silence, sie haben sich die Welt angesehen, den Kopf geschüttelt und dann mit Afraid of Heights ihren Kommentar dazu abgegeben. Mehr noch als sonst werden hier große Themen angesprochen, wie etwa die Flüchtlingskrise, die Waffenlobbys in den USA oder die US-Wahlen und wie man es nunmal von Billy Talent gewohnt ist, sind sie direkt, wütend und haben kein Problem, ihrem Ärger laut und aggressiv Luft zu machen, auch mit über vierzig.

Songs wie Big Red Gun, Ghost Boat Of Cannibal Rats (wohl eine Anspielung auf das russische Schiff, das nur noch von kannibalistischen Ratten bewohnt ziellos im Meer nahe Großbritannien herumziehen soll, ich denke die Metapher ist klar), Horses & Chariots und This Is Our War ziehen alle Kaliber und klagen bissig die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Missstände an, mit denen wir heute konfrontiert sind. Obwohl die Gruppe sich dabei hauptsächlich auf Amerikanisch-Kanadische Politik beziehen, kann man als Europäer in den Texten von letzteren beiden nicht anders, als sich zu identifizieren. Die politische Spaltung ganzer Länder durch populistische Politiker ist nun mal in Zeiten wie diesen kein amerikanisches Phänomen und Billy Talent schafft es, einen kämpferischen Protest zu formulieren, der über die konkreten Fälle hinausgehen kann.

Doch es wäre nicht Billy Talent, wenn zwischendurch, quasi zur Auflockerung, nicht mal ein bisschen Spaß sein dürfte. So findet sich in der Verschnaufpause etwa ihre ganz eigene Hymne an klassische, „handgemachte“ Rockmusik Louder Than The DJ, was eine besondere Ironie in die Platte bringt, da die Band sich bereits ein paar Titel weiter an Synthesizern versucht und es damit schafft, ihrem eignen, schwer verwechselbaren Sound eine neue Tiefe zu geben.

So aggressiv und wütend das Album auch ist, das bereits mit einem gestreckten Mittelfinger verglichen wurde, es gibt sich und dem Zuhörer Raum um zu verdauen. Ruhigere Nummern, wie Leave Them All Behind runden das Album genauso ab, wie February Winds, eine vorerst unscheinbare Nummer, die sich jedoch schnell zu einer der ausdrucksstärksten des ganzen Albums herausstellt, wenn man einen Blick auf den Text wirft, der sich mit den Flüchtlingsschicksalen  und der Reaktion des Westens darauf beschäftigt.

Ein Protestalbum hat Billy Talent da produziert, in einem Alter, in dem man nichts neues mehr erwarten würde. Jeder Titel ist sein eigener Aufruf, aktiv zu werden und etwas an dem zu ändern, wie es gerade ist und für das zu kämpfen, was einem wichtig ist. Das, was viele Musiker bereits aufgegeben haben, nämlich eine klare Message in ihre Arbeit zu verpacken, ist den Kanadiern mit Afraid Of Heights gelungen, ohne ihren ganz eigene Klang hinter dem Text zurückzunehmen.

Dass die Gruppe inzwischen schon seit beinahe einem Vierteljahrhundert besteht, hält sie offensichtlich nicht davon ab, sich weiterzuentwickeln, neues auszuprobieren und noch einmal unter Beweiß zu stellen, was Punkrock auch heute noch kann.

Wer jetzt Lust bekommen hat, kann sich hier gleich zum Album weiterklicken:

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