Damaskus im historischen Mosaik

English Version

Wer eine andere Seite von Syrien kennenlernen will, sollte sich die Zeit nehmen und sich über Rafik Schamis Wälzer “Die dunkle Seite der Liebe“ trauen.

Für alle, denen der Name Rafik Schami nichts sagt, erwähne ich hier kurz, dass es sich um einen der wichtigsten postkolonialen Autoren des deutschen Sprachraums handelt. Wieso dieser Mann und das Buch, um das sich dieser Artikel dreht, auch für Leute interessant sind, die sich nicht unbedingt für Literaturgeschichte und -theorie interessieren, liegt daran, dass sich in seinem Roman die Möglichkeit bietet, über ein halbes Jahrhundert syrischer Geschichte mitzuerleben.

“Die dunkle Seite der Liebe“ schreckt auf den ersten Blick durch den Umfang des Texts ab. Tatsächlich muten die mehr als 1000 Seiten des Buchs zuerst einmal wie ein Jahrhundert-Leseprojekt an, kaum ist man aber an den ersten paar Kapiteln vorbei und somit eingewickelt, in Schamis Geschichtennetz, wünscht man sich, dass der Text nicht mehr aufhört.

Schami ist bekannt dafür, in seinen Büchern die berühmt-berüchtigte arabische Erzählkultur aufleben zu lassen, was “Die dunkle Seite der Liebe“ trotz einer klaren Rahmenhandlung zu einem Meer aus kleinen Geschichten werden lässt. Anhand der strukturgebenden Erzählung der Stammesfehde zwischen den beiden Familien Muschtak und Schahin und vor allem der Liebesgeschichte à la Romeo und Julia zwischen zweien ihrer Mitglieder, deckt Schami über ein halbes Jahrhundert syrischer Vergangenheit ab. Von der französischen Kolonialherrschaft, über die Unabhängigkeit bis zu den diversen Militärdiktaturen kann der Leser mitverfolgen, wie sich das Land, das ja beinahe täglich in den Nachrichten ist, dahin entwickelt hat, wo es heute ist.

Als wäre das nicht genug, beschreibt Schami nicht allein seine Protagonisten, sondern nimmt auch mal Abzweigungen, verliert sich in kleinen Alltagsgeschichten von Nebenfiguren und spinnt so ein dichtes Netz an Erzählungen, die zusammen ein sehnsüchtiges Bild von Damaskus, Syrien und der Pluralität der arabischen Gesellschaften ergeben. Zwar dringt durchaus auch Kritik des Exilautors an den strikten Regeln und Gesetzen und den Religionskonflikten, die ihn selbst zwangen, das Land zu verlassen, durch, aber gerade das macht das Mosaik, das er entwirft, so stimmig.

Das Gefühl, das der Autor der Leserschaft von seiner Heimat vermittelt, ist nicht verklärt, das Bild ist nicht perfekt und einige Steine des Mosaiks sind angekratzt und zerbrochen, vielleicht auch falsch bemalt. Viel mehr ist sich Schami der Fehler und Ungereimtheiten der Region bewusst und geht abgeklärt daran, uns diese Welt zu zeigen, was nicht bedeutet, dass er findet, dass man ihr den Rücken kehren sollte.

Schami hat hier eine eindringliche Liebeserklärung an Syrien und Damaskus geschrieben, einer Welt, die erstaunlich erschreckend, verzaubernd wunderlich und auf verträumte Weise niederschmetternd real ist. Das Märchenhafte, das auf die geschickteste Art mit dem brutalen Alltag eines zerrissenen Landes verwoben wird, macht “Die dunkle Seite der Liebe“ zu einem so eindrücklichen Roman, dass man sich im Nachhinein schwer von seinem Zauber losreißen kann.

Gerade heutzutage sollte man sich wohl über den Tellerrand beugen und sich die Zeit für einen Schmöker wie diesen nehmen, um einen Ausflug in die Mentalität und Geschichte eines Staates zu machen, der als eine der größten, existenten Problemzonen vermutlich noch die nächsten paar Jahre Politik und Medien dominieren wird.

Traut euch einfach und schlagt mal die erste Seite auf. Ihr werdet es nicht bereuen, das garantier ich.

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