Teeblätter, Tierzeichen und das Belvedere

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Ai Wei Wei, der momentan wohl berühmteste chinesische Künstler, stellt in Wien aus

Translocation – Transformation heißt die Ausstellung des chinesischen Konzeptkünstlers, den ich hier nicht weiter vorstellen werde, da er momentan in aller Munde ist, zumindest für Leute mit Zugang zu österreichischem Fernsehen.

Und das zu Recht. Die zwei Bereiche, in denen ausgestellt wird, also das 21er Haus und das Belvedere, sind zwar ein Stück voneinander entfernt, aber es lohnt sich alle mal, nachdem man den Freiluft- und damit auch gratis Teil – gesehen hat, nochmal die paar Euro zusammenzukratzen und sich auch die überdachte Ausstellung anzusehen.

Eines der Hauptstücke stellt der Ahnentempel einer Teehändlerfamilie dar, der noch aus der späten Ming-Dynastie stammt und zu großen Teilen im Wiener 21er Haus aufgebaut wurde. Innerhalb des modernen Museums wirkt die gewaltige Holzkonstruktion durch den Kontrast mit der Umgebung befremdlich und dadurch noch imposanter. Für einen westlichen Betrachter ist nichts daran vertraut und wer denkt, durch die Einrichtung der paar Wiener Chinarestaurants gegen die Faszination und den Detailreichtum dieses antiken Kunstwerks gefeit zu sein, der irrt gewaltig. Selbst nach einer Stunde ist immer noch etwas Neues in den Verzierungen dieses Tempels zu finden.

Unterstrichen wird die Wirkung der Holzkonstruktion durch Häuser aus gepressten Pu-Erh-Tee auf einem Teppich von losen, getrockneten Blättern der Pflanze. Damit sich die gesamte Bedeutung dieses Exponats entfaltet, ist es nötig, sich ein die Geschichte des typisch chinesischen Tees anzusehen, der ursprünglich in verschiedene Formen gepresst wurde, um ihn bis zu fünf Jahre reifen zu lassen, was dann für seinen besonderen Geschmack gesorgt hat. In den 1970ern begann man, den Tee mit anderen Verfahren zu behandeln, so dass der Tee schneller produziert werden konnte. Seit diesem Zeitpunkt etwa ist er auch ungepresst zu finden. Genauso wie der antike Tempel aus einer großen Kultur stehen also die gepressten Teeblätter in der moderneren Version ihrer selbst (das 21er Haus wurde eigentlich als Pavillon konzipiert, für die Brüssler Weltausstellung 1958, während die Ahnenhalle über viele Jahre als solcher genutzt wurde).

Das letzte Ausstellungsstück des 21er Hauses findet sich in einer Fläche bestehend aus abgeschlagenen Tüllen chinesischer Teekannen, die nicht nur ein weiterer Querverweis auf die zerstörte Kultur und den Ursprung des Ahnentempels sind, sondern durch ihre Form von Weitem auch an Knochen erinnern.

Ai Wei Weis Ausstellung beschäftigt sich mit dem Verlust der eigenen Kultur durch erzwungenen Orts- und damit auch Bedeutungswechsel. Die drei „Teeexponate“ erzeugen auf eindrucksvolle Weise ein Gefühl der Fremdheit und auch Hilflosigkeit, egal ob man vor den zerschlagenen Keramikkannen steht oder von der Imposanz des antiken Gebäudes selbst erschlagen wird. Jedes Ausstellungsstück steht mit den anderen und seiner Umgebung in einem Dialog und besonders die Kannen bauen, meiner Meinung nach, durch ihre Knochenhaftigkeit eine Brücke zu „F-Lotus“, der gewaltigen Installation vor dem Oberen Belvedere.

 

Die „Lotusblüten“ aus den Westen geretteter Flüchtlinge bilden ein F, das wie ein Weg quer über den künstlichen Teich führt. Mit dem Hintergrund des dekadenten Barockschlosses mitten im Herzen von Wien, einer der reichsten Städte der Welt, könnte der chinesische Künstler keinen kräftigeren Ausdruck für seine Kritik an der Flüchtlingspolitik der EU und auch Österreichs finden.

Umgeben wird die Installation von dem „Circle of Animals/Zodiac Heads“, die mit zwölf bronzenen Tierköpfen das chinesische Horoskop darstellt und auf die Zerstörung eben solcher Statuen vor dem Sommerpalast Yuanming Yuan in Peking durch französische und britische Truppen 1860 anspielt.

Die Thematik der Flucht, also des erzwungenen Ortswechsels, und der Verlust der Kultur zieht sich, wie man sieht, durch die Ausstellung Ai Wei Wei`s und bildet gerade durch ihre Intertextualität und die vielen Ebenen, auf denen die Werke mit ihrer Umgebung und untereinander kommunizieren, ein eindrucksvolles Beispiel seiner ganz persönlichen Konzeptkunst, die wohl kaum jemanden kalt lassen kann.

Die Installationen sind noch bis zum 20.11.2016 in Wien zu sehen und jedem, der sich die Tickets für das 21er Haus nicht leisten will, empfehle ich, zumindest die offen zugänglichen Exponate rund um das Belvedere zu besuchen. Es lohnt sich !

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