Orpheus und Kama oder Wie man auf 600 Seiten die Migration des Rock erzählt

English Version

Musik und Mythos in The Ground Beneath Her Feet von Salman Rushdie

The Ground Beneath Her Feet ist Salman Rushdies siebter Roman und beschäftigt sich, kurz gesagt, mit der lebenslangen Liebesgeschichte der beiden fiktionalen indischen Musiker Ormus Kama und Vina Apsara.

Um kurz über die Form zu sprechen, der Text steht in der Perspektive eines Ich-Erzählers, Urmeed Merchant, genannt Rai, der ein Kindheitsfreund und langjähriger Geliebter von Vina Apsara ist. Wie das nun einmal so mit dichten Werken, wie denen von Rushdie ist, steckt hinter jedem Begriff und Namen, vor allem, wenn sie aus dem Sanskrit übernommen sind, ein bis zwei doppelte Böden. So geben uns hier die Namen der drei Hauptcharaktere Ormus Kama, Vina Apsara und Urmeed „Rai“ Merchant bereits einen ersten Hinweiß auf die beiden Mythen, die Rushdie als Gerüst für seinen Roman gewählt hat: Die griechische Sage um Orpheus und Eurydike und auf der anderen Seite die Geschichte von Kama und Rati aus dem indischen Kulturraum. Aber eins nach dem anderen. Bleibt man strikt bei den Namen der drei Protagonisten, erfährt man folgendes:

  • Ormus ist einer der Namen eines altpersischen Schöpfergottes, außerdem gibt es eine onomatopoetische (lautmalerische) Ähnlichkeit zwischen Orpheus und Ormus
  • Kama bedeutet „Verlangen“ und ist der Name des hinduistischen Liebesgottes
  • Vina leitet sich von dem indischen Saiteninstrument veena ab
  • Apsara bedeutet im Sanskrit „Nymphe“, wie etwa Eurydike eine ist
  • Urmeed bedeutet „Hoffnung“, was uns besonders in Hinblick auf seine Beziehung mit Vina Einsicht in seinen Charakter gewährt
  • Rai bedeutet König und könnte die erste Anspielung des Textes auf einen Musiker sein, nämlich Elvis Presley, den „King“

Folgt man also nur den Brotkrümeln, die Rushdie mithilfe der Namen seiner Charaktere legt, kann man Ormus als einen Schöpfer und Vertreter der hohen Liebe ausmachen. Tatsächlich wird er innerhalb des Textes als Schaffer aller modernen Musik dargestellt, der bereits bevor Musikstücke veröffentlicht sind weiß, wie sie klingen werden. Als Säugling greifen seine Finger bereits Gitarrenakkorde und als er in seinem Gitterbett singt, schweigen die Vögel und sind verzaubert von seinem Gesang. Außerdem ist er in der Beziehung zu Vina derjenige, der ihr alles opfert, der ihr treu bleibt und sogar mehrmals über Jahre keusch lebt, um ihr seine Liebe zu beweisen.

Vina Apsara deutet mit ihrem Namen dagegen viel mehr auf den griechischen Kulturraum hin, sowohl durch die Erwähnung des Saiteninstruments (Orpheus spielt die Lyra, also das griechische Dependent zur veena) als auch durch den direkten Bezug auf die Nymphe Eurydike. In einem weiteren Schritt kann man allerdings auch Rati hinter „apsara“ entdecken, da Nymphen als körperliche und sehr sexuelle Wesen dargestellt werden. Stellt Kama und damit auch Ormus im Roman die hohe, uneigennützige und heroische Liebe da, so ist Rati, die Göttin der Lust, und auch Vina die körperliche Seite der Medaille. Vinas gesteigerte Libido ist hier der in ihrem Charakter verankerte Ausdruck der beiden Sagengestalten.

Doch wieso gerade diese beiden Sagen? Will man einen Roman über Musik auf Basis alter Legenden schreiben, bietet sich die allseits bekannte Geschichte um Orpheus und Eurydike natürlich an, aber aus welchem Grund entschied sich Rushdie gerade für Kama und Rati als Gegenstück?

Die Antwort auf diese Frage ist das Bild der Höllenfahrt, das ein Hauptmotiv in beiden Geschichten ist. Auf der einen Seite versucht der Sänger Orpheus seine Ehefrau aus dem Hades zurückzuholen und scheitert kläglich, auf der anderen wird Kama von Shiva umgebracht und durch seine Ehefrau Rati wiedererweckt.

Sucht man den Roman nach dem Motiv der Höllenfahrt ab, finden sich schnell drei zentrale „Höllen“, die Ormus bereist, um Vina zu retten, wobei er jedoch ganz orphisch immer wieder scheitert, während seine Geliebte die Fähigkeit besitzt, ihn zu retten. Die erste Höllenfahrt des Ormus ist seine Emigration von Indien nach England, um Vina zu finden, die bereits Jahre zuvor das Land verlassen hat. Zwar kann Ormus an seiner Karriere arbeiten und trägt auf den britischen Piratensendern auf Schiffen zur Rock`n`Roll Revolution bei, er ist aber auch mit Einsamkeit und Rassismus konfrontiert, lebt allein, getrennt von seiner Familie und erfährt große Isolation. Die nächste Höllenfahrt beginnt für Ormus physisch mit einem Autounfall, durch den er jahrelang im Koma liegt und erst durch Vina wieder geweckt werden kann. Durch den Unfall aber wird Ormus, ganz im Sinne von Rushdies Magischem Realismus, auf einem Auge blind für die Welt, in der er lebt und bekommt dafür Einblicke in eine Parallelwelt, die leicht zeitversetzt existiert (und die sich im Laufe des Romans als unsere Realität herausstellt). Dieser Zugang zu einer anderen Welt isoliert Ormus weiter, obwohl er in den folgenden Jahren mit Vina in Amerika zusammenlebt, eine legendäre Band mit ihr gründet und ein Vermögen dadurch verdient. Im Gegenteil, er stürzt immer mehr in Depressionen und entfernt sich weiter und weiter von Vina, sowohl privat als auch beruflich (das wird zum Beispiel durch die Beschreibung der Auftritte ihrer Band „VTO“ deutlich, wo er aufgrund von Gehörschäden nur noch abgekapselt von den restlichen Mitgliedern in einem Glaskasten auf der Bühne stehen kann). Aus dieser zweiten Höllenfahrt wird eine dritte, mit dem plötzlichen Verschwinden von Vina in einem Erdbeben. Daraufhin verfällt Ormus völlig, wird drogenabhängig und sucht unter vielen Doubles seiner Ehefrau nach der Echten, die natürlich bereits tot ist. Aus dieser Hölle wird er schließlich wieder von Vina gerettet, oder zumindest von einer Frau, die wie sie angezogen ist, und ihn erschießt.

Wenn man nun die Ebene der Mythen verlässt und sich auf die Bedeutung der Musik in dem Text konzentriert, fällt auf, dass vor allem im Charakter des Ormus zwei Künstler verbunden werden sollten: John Lennon und Brian Wilson. Ganze Passagen aus dem Leben der beiden Künstler wurden in den Roman übernommen, so hat etwa Wilson, genau wie Ormus, angeblich bereits mit wenigen Monaten enormes musikalisches Talent bewiesen, einen tyrannischen Vater gehabt und war auf einem Ohr taub. Beide haben die Angewohnheit, nach eigenen Angaben Stimmen zu hören (auch wenn Ormus`in der Logik des Buches nicht eingebildet sind), ganze Erzählungen von Studiosessions sind aus Wilsons Leben in den Roman eingeflossen und so weiter . Wie John Lennon beginnt Ormus zur Entspannung Brot zu backen, auch ihm wird in Amerika aufgrund von zu kritischen Texten mit der Abschiebung gedroht und genau wie das historische Vorbild wird er vor seinem Haus in New York, das direkt an den Central Park grenzt, erschossen.

Ormus Kama ist nicht einfach dem Namen nach der Schöpfer der Musik, sein Charakter ist angelehnt an zwei der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts und noch dazu an zwei der prägendsten für die moderne Rock und Popmusik. In diesem Sinne kann Ormus sogar als Allegorie an die Entwicklung der Rockmusik verstanden werden, was sich in Rushdies Auffassung auch mit der Migrationsgeschichte seines Protagonisten verbindet.

Migration, Desorientierung und Rassismus sind zentrale Themen, die sich durch Rushdies Werk ziehen und in diesem Fall wird das besonders deutlich, in seiner Verwendung von Rockmusik, um die Isolation und das „Dazwischen“ darzustellen, in dem sich ein Migrant befindet. Rock`n`Roll ist historisch gesehen eine Grenzüberschreitung gewesen, die sich beinahe wie ein moderner Mythos anfühlt und entstand aus einem Gefühl der Deplatzierung heraus, aus einer Mischung vieler verschiedener Einflüsse, die erst um Anerkennung kämpfen mussten. So betrachtet kann man in der Rockmusik leicht eine Migrationsgeschichte erkennen, die in der Figur des Ormus Kama innerhalb des Romans personifiziert wird. Das „Dazwischen“ in dem sich ein Migrant befindet ist nach Homi Bhabha der Platz, an dem Kultur entstehen kann, da gerade dieser „Nicht-Ort“, das „Nicht-Hineinpassen“ nötig ist, um tatsächlich neues zu schaffen. Erst durch die Migration beginnt daher auch Ormus Kama sein Potential auszunützen und schafft es, Musik zu schreiben, die die Welt verändert.

Es geht also in dem Text viel weniger um eine Musikrichtung, als eigentlich um die Frage nach Kultur, Kulturschaffung und kultureller Zugehörigkeit, Themen, die sich öfter in Rushdies Werken wiederfinden lassen. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „This book is not a novel about rock`n`roll, but an attempt to respond to the evolution of world cultures in the last half century“ (Rushdie in Le Monde)

Tatsächlich ist einer der wenigen komplett ausformulierten Songs, die Rushdie in den Roman eingearbeitet hat, von U2 vertont worden. Im Sinne der Intermedialität lohnt es sich, mal hineinzuhören, da die Band den Geist des Buches tatsächlich gut eingefangen hat. Die Lyrics unterscheiden sich kaum vom Originaltext, aber es ist trotzdem interessant, beides kurz zu vergleichen (außerdem ist Salman Rushdie im Musikvideo zu sehen). Hier sei also zum Abschluss noch einmal kurz Rushdies Text und U2`s Song angehängt: 

„All my life, I worshipped her.

Her golden voice, her beauty`s beat.

How she made us feel, how she made me real, and the ground beneath her feet.

And now I can`t be sure of anything, black is white and cold is heat; for what I worshipped stole my love away, it was the ground beneath her feet.

She was my ground, my favorite sound, my country road, my city street, my sky above, my only love, and the ground beneath my feet.

Go lightly down your darkened way, go lightly underground, I`ll be down there in another day, I won`t rest until you`re found.

Let me love you true, let me rescue you, let me lead you where two roads meet. O come back above, where there`s only love and the ground`s beneath your feet.“ (S. 475)

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