Die vielen Fehler der Buchverfilmungen

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„Carol“ wurde, als er herauskam, mit so gut wie allen großen Filmpreisen ausgezeichnet. Ein kurzer Vergleich mit dem Roman sorgt aber schnell für Ernüchterung.

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Als 2015 das lesbische Drama „Carol“ von Todd Haynes in die Kinos kam, wurde es als Durchbruch des queeren Kinos gefeiert, man kam unmöglich an dem Film vorbei, auch wenn man es versucht hat. Dass dem Hit ein Roman der amerikanischen Autorin Patricia Highsmith zu Grunde liegt, ist vielen nicht bewusst gewesen und wer sich nach der Konsumation des Films auf den Text eingelassen hat, war wohlmöglich schwer enttäuscht.

„Der Preis von Salz“, wie Highsmiths Original eigentlich heißt, ist nämlich, ganz im Gegensatz zu der Haynes`schen Verfilmung kein Familien- und Ehedrama mit lesbischen Untertönen, es kann viel mehr als Coming-of-Age-Roman verstanden werden, der im Sinne der psychologischen Schriftstellerei, die die Amerikanerin betrieb, kaum Wert auf Kitsch und Dramatik legt.

Die Stärken des Films sind gleichzeitig seine Schwächen, wenn es um einen Vergleich mit dem Buch geht, nämlich die Darstellung der beiden Protagonisten und vor allem Carol. Der Text ist aus der Perspektiven von Therese geschrieben, einer 19jährigen Bühnenbildnerin (wird im Film zu einer Fotografin), die ihre erste große Liebe mit einer Frau erfährt und durch die Schwierigkeiten ihres Zusammenseins erwachsen wird.

Der Figur Carol bleibt darin, obwohl sie natürlich das Denken Therese` füllt, meist im Schatten, über ihr Familienleben erfährt der Leser lediglich verspätet in Form von Dialogen, ab und zu kommen sogar Zweifel an der Verlässlichkeit der Erzählerin auf. Niemals, bis zum Ende des Romans, bricht Carols beinahe mythische Hülle auf, was auch nicht nötig ist, da sie nicht im Fokus des Textes geht. Highsmith entdeckt viel mehr das Wesen von Therese, als das ihrer Geliebten, sie interessiert sich dafür, wie ein beinahe gefühlloses junges Mädchen beginnt, ihren eigenen Willen zu entwickeln und sich selbst zu entfalten, nicht für eine bisexuelle, fertige Frau mit Scheidungsproblemen (wobei Highsmith hoch angerechnet werden muss, dass sie Carol nie als lesbisch darstellt, sondern immer als interessiert an beiden Geschlechtern, was, wenn man sich die Marginalisierung ansieht, die Bi- und Pansexuelle Menschen heute noch durchmachen, nicht selbstverständlich ist).

Gerade durch die Konzentration auf Therese und die absichtliche Vermeidung eines zu tiefen Eintauchens in Carols Leben, vermeidet Highsmith das Entstehen von Kitsch. Der Text wird sogar umso realistischer, je mehr sie sich von Therese` Geliebten fernhält. Allein die Gedanken der 19jährigen erzeugen die Dringlichkeit, die trotz der langsamen Entwicklung der Beziehung der beiden Frauen beim Leser empfunden wird. Man kann das Erwachsenwerden der jungen Therese ruhig mitverfolgen, ohne sich zu langweilen, trotz fehlender hochromantischer  Szenen und genau da liegt die Stärke des Buches. Erst durch die Trennung von Carol und Therese` Unabhängigkeit wird im Endeffekt der Boden für eine richtige Beziehung zwischen den beiden geebnet, das Abhängigkeitsverhältnis, das am Anfang entsteht, wird aufgebrochen und an dem Punkt, wo sich zwei erwachsene, freie Menschen treffen, kann eine Zusammensein funktionieren. Diese finale Aussage könnten sich noch einige kontemporäre Romane von diesem Buch aus den 1950ern abschauen.

Der Film konzentriert sich im Gegensatz dazu viel mehr auf Carol und ihr Leben als „lesbische“ Frau in einer Ehe mit einem Kind. Therese verschwindet in ihrer Darstellung beinahe hinter Carol, deren Scheidungs-, Outing- und Familienprobleme den Hauptfokus der Handlung besitzen. Wenn Therese` Leben dargestellt wird, dann mit übertriebener Symbolik und vielen küchenphilosophischen Gesprächen über die Liebe. Ihre Seite der Geschichte wird plötzlich ins Kitschige gerückt, so dass die Gespräche zwischen den beiden einen ungewollten Pathos bekommen, der in der Textgrundlage gerade vermieden wird. Man könnte argumentieren, dass Haynes, der an sich kein schlechter Regisseur ist, die andere Seite der Geschichte, eben Carols, herauszukehren, was durchaus als interessante Ergänzung an den Text funktionieren könnte, aber nicht um den Preis, die meisten positiven Eigenschaften des Romans ins Gegenteil zu kehren.

Das soll nicht heißen, dass der Film per se nicht gut gemacht ist, ganz im Gegenteil. Blanchett und Rooney Mara leisten eine eindrucksvolle Performance, ästhetisch ist der Film interessant, das Farbschema, das sich durch den Film zieht, die Schnitte, alles ist faszinierend. Trotzdem versucht der Film am Ende des Tages zu sehr, ein Kunstfilm zu sein, ohne diesem Ziel gewachsen zu sein. Er ist zu kommerziell in seiner Thematik (was auch an dem gesetzten Fokus liegt), zu direkt in seiner Symbolik (man siehe zum Beispiel den Einsatz von Fotografie oder die Bedeutung des Ortes „Waterloo“ im Film) und zu dramatisch in seiner Geschichte. Es reicht nicht, dass Carol sich, um ihre Tochter sehen zu dürfen, von Therese trennt, nein, sie muss auch noch in Psychotherapie gehen. Dass Therese keinen Kontakt zu Carol haben kann, genügt nicht, es braucht Szenen von einer weinenden Carol und verzweifelte Gespräche über ihre Beziehung, damit auch wirklich der letzte Zuseher verstanden hat WIE traurig und schlimm das ist, was den beiden angetan wird.

Diese Überspitzung nimmt dem Film sein Potential, das er durch die Vorlage, den an sich ganz und gar nicht kommerziellen Regisseur, die Schauspieler und vieles mehr gehabt hätte. Schade, dass man das nicht ausgenutzt hat, ich denke nämlich nicht, dass ein bisschen weniger Melodrama dem Film geschadet hätte, auch was seinen Erfolg angeht.

 

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